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Jarvis Cocker & Chilly Gonzales: Room 29 (CD, Deutsche Grammophon, 2017)

 

Kaum ein Album habe ich in den letzten Jahren wohl vor dem Rezensieren schon so oft durchgehört, wie "Room 29" von Jarvis Cocker und Chilly Gonzales. Das spricht für eine längere Vorlaufzeit, vor allem aber dafür, dass es sich um eine ganz hervorragende Scheibe handelt.

Auf 52 Minuten haben der britische Texter und Sänger Jarvis Cocker, bekannt als Frontmann von der leider ja getrennte Wege gehenden Britpop-Legenden Pulp, und der kanadische Pianist und Komponist Chilly Gonzales einen "Liederzyklus für das 21. Jahrhundert" erschaffen, der sich mit einem Hotelzimmer beschäftigt. Das klingt erst einmal merkwürdig, ist es aber ganz und gar nicht. Es geht um "Room 29" im Hotel Chateau Marmont am westlichen Ende von Hollywoods Sunset Boulevard. Cocker und Gonzales versetzen sich in die Lage des Raums im 1929 eröffneten Hotel, nach dem Vorbild von Schloss Amboise im französischen Loiretal erbaut. Die Idee dazu kam Cocker 2012 bei einem Aufenthalt im Chateau Marmont, als er sich mit der Geschichte des Hauses auseinander setzte.

"Wenn du Ärger haben willst, dann am besten im Chateau Marmont", sagte Harry Cohn 1939, der Gründer von Columbia Pictures. Die Verbindungen des Hotels zur Geschichte der Filmindustrie und die Tatsache, dass im Zimmer 29 schon immer ein Stutzflügel stand, waren wichtig für die Inspirationen. Was könnte dieser Flügel wohl alles berichten? Cocker und Gonzales lernten auf ihrer kreativen Reise Einzelheiten über Gäste wie Jean Harlow, Mark Twains Tochter Clara oder den mit Hollywoodgrößen befreundeten Gangsterboss Meyer "Mickey" Cohen aus LA. In ihren Liedern verarbeiten sie diese Geschichten und stellen sich Sinnfragen wie "Is there anything sadder than a hotel room that hasn't been fucked in?". Sie geben sich aber nicht dem Reiz hin, hier alle Geschichten des Hotels zu erzählen, sobald ein großer Name beteiligt war. So hören wir nichts darüber, dass James Dean hier durch ein Fenster sprang, Jim Morrison vom Dach eines Bungalows fiel, John Belushi hier an einer Überdosis verstarb, Helmut Newton an der Mauer der Hoteleinfahrt mit seinem Cadillac zerschellte oder Led Zeppelin-Drummer John Bonham auf einem Motorrad in die Hotel-Lobby fuhr.

Die 16 Songs erzählen lieber noch etwas vom Bellboy als "Belle Boy", von Nervenzusammenbrüchen, von Eiscreme als Hauptspeise oder Brezeln aus der Minibar, oder von Howard Hughes als voyeuristischer Pooldamen-Beglotzer. Kurze Sprach-Beiträge des Filmhistorikers David Thomson bereichern die Szene, im Mittelpunkt stehen aber - passen zum Flügel im Raum - das Pianospiel von Chilly Gonzales und die nach wie vor tolle, ausdrucksstarke Stimme von Jarvis Cocker. Sehr schöne Lieder haben die beiden hier erschaffen, die zumeist auch gar nicht mehr brauchen als Gesang und Piano. Und wenn dann wie bei "Clara" oder "Salomé" doch noch Streicherklänge dazu stoßen, dann ist dies eine wunderbar passende Bereicherung. Starke Kompositionen, ganz intim vorgetragen - tolles Album!

Nachdem eine Aufführung des noch unfertigen Stücks im Januar 2016 in Hamburg stattgefunden hatte, wird das vollendete Werk nun wird für drei Aufführungen vom 17. bis 19. März nach Hamburg in den Kampnagel zurückkehren, bevor es im Londoner Barbican Centre (23. bis 25. März), an der Berliner Volksbühne (28. bis 30. März), in Paris (April/Juli) und auf mehreren Sommerfestivals präsentiert wird.

Hier das Video zum tollen Song "Tearjerker":



www.deutschegrammophon.com



Bewertung: 10 von 10 Punkten

(Tobi )