CTS-MUM


Obwohl The Cure-Mastermind Robert Smith bei Veröffentlichung des letzen Longplayers "Bloodflowers" (2000) immer wieder betont hatte, dass er das nach dem rockiger und langweiliger geratenen "Wild Mood Swings" wieder wohltuend nach alten Zeiten klingende Album als Abschluss einer Trilogie mit "Pornography" (1982) und "Disintegration" (1989) sieht, war es doch eine Überraschung, dass die Band alle drei Scheiben als Paket live darbot. Die Ursache hierfür kann man nun endlich in den Händen halten - den Konzertfilm "Trilogy". Am 11. und 12. November 2002 war es in Berlin soweit - im natürlich ausverkauften Tempodrom spielten Robert Smith, Simon Gallup, Perry Bamonte, Jason Cooper und Roger O'Donnell nacheinander alle drei Alben der Trilogie komplett, jeweils von 20 Minuten Pause getrennt. Wer diesen epischen Abend nicht live miterleben konnte, der hat nun anhand der Doppel-DVD die Möglichkeit, wenigstens ein Heimkino-Erlebnis des Ganzen zu genießen. Im Cover wird man wieder mal aufgefordert, die Lautstärke hoch zu drehen, und diesbezüglich gehorcht man gerne, da der Sound klar und gut ist. In puncto Lightshow werden The Cure von blitzenden, weißen Spots bestrahlt oder von tiefem Rot, Blau oder auch mal Grün ummantelt - dies kennt man schon, aber es passt auch nichts besser zur düsteren Musik der Jungs.

DVD 1 bietet - man geht ja chronologisch vor - zunächst 45 Minuten "Pornography". Stücke wie "One Hundred Years" oder das großartige, von Fans heiß geliebte "A Strange Day" hat man ja live schon oft zu sehen bekommen, aber "Cold", "Siamese Twins" oder "The Figurehead" gehörten zuletzt nicht zum Standard-Set, wenn es ein solches denn bei The Cure überhaupt gibt. Als Abschluss bietet der Titelsong "Pornography" zu mit verzerrten Streifenbildern versetzten Bildern eine bedrohliche Soundwand, ansonsten aber klingen die Liveversionen etwas weicher als das Album.

Es folgt das in "South Park" als bestes Album aller Zeiten gelobte "Disintegration", welches zumindest für viele das beste Album von The Cure ist - ein Meilenstein der epischen Deprimusik. Highlights hat das Album viele, als Beispiel hebe ich mal das wunderbare "The Same Deep Water As You" heraus. Blaues Licht umströmt die Band, und nicht nur dies passt thematisch zum Wasser. Vermehrt sie man Robert von einer Kamera, die knapp über seinem Mikro installiert wurde, in Großaufnahme, wobei die Bilder von leichtem Welleneffekt verzerrt werden. Der ruhige Song nimmt einen auch vor dem Fernseher noch gefangen, bringt einem Gänsehaut, lässt einen Träumen. Klasse. 75 Minuten lang kann man sich in "Disintegration"-Stimmung fallen lassen, dann ist DVD-Wechsel angesagt.

Zu Beginn der zweiten DVD gibt es eine Stunde "Bloodflowers" mit allen Songs der gewöhnlichen CD, das auf Vinyl oder der japanischen CD zusätzlich existente "Coming Up" fehlt also. Die Songs des letzten Albums, welche ja schon als Studioversionen die Cure-Fans endlich wieder an alte Zeiten erinnerten, kommen live noch viel attraktiver daher. So, wie Robert Smith und seine Mannen die Stücke spielen, reihen sie sich wirklich ins Stimmungsbild von "Pornography" und "Disintegration" ein. Sehr gut.

Drei komplette Alben. Hat man genug? Nein, nie, never. Stundenlang könnte man den Klängen von The Cure weiter lauschen, ihnen zusehen, eingelullt zwischen Faszination, Traurigkeit, Freude und Erinnerungen. Von den in Berlin gespielten sieben Zugaben aus anderen Alben findet man auf Anhieb "If Only Tonight We Could Sleep" und "The Kiss" vom Album "Kiss Me Kiss Me Kiss Me", also einmal ruhig, einmal laut - zweimal klasse. Zudem sind zwei Songs noch als Hidden Tracks versteckt - wer sie findet, der möge uns kurz mitteilen, wo, damit wir dies hier aufnehmen können. Auch drei Interviewsequenzen sollen versteckt sein, zwei auf DVD 1, eine auf der zweiten. Diese sind allerdings auch nur Ergänzung zu 37 Minuten Interview, die man ohne Ostereier-Sucherei anwählbar hat. Die ganze Band äüßert sich zu acht verschiedenen Themen. So erfährt man etwas über die Trilogie, über die Fans oder den Konzertfilm. Robert erklärt, dass man die Trilogie zuerst in London spielen wollte, dann aber zwischen Moskau, Prag und Berlin geschwankt hat, wobei man sich für letzteres entschieden habe, da man hier schon oft gewesen sei und die Stadt eine tolle, passende Atmosphäre zwischen Schwarz und Weiß bietet, während man "Kiss Me Kiss Me Kiss Me" zum Beispiel eher in einer Stadt wie Barcelona spielen würde. Auf die Frage nach dem Ende einer Ära erklären The Cure, man habe hiermit zwar ein Stück Vergangenheit abgeschlossen und schaue nun in eine Zukunft neuer Herausforderungen, man würde sich aber nicht zwangsläufig neu zu erfinden versuchen. Aha. das nächste Album wird zeigen, was hiermit gemeint ist - und so sehr man sich auf dieses schon jetzt freut, diese DVD ist weit mehr als ein kleiner Zwischenhappen. Großartiger Konzertfilm mit großartigen Alben einer großartigen Band.

(Tobi)