Expedia.de - Reisen. Wie, wann, wohin du willst.

Vor etwas mehr als einem Jahr noch fiel mir auf, dass etwas jüngere Semester - und hiermit meine ich nicht nur die Kids, sondern auch Menschen unterhalb der 30 wenn nicht 35 Jahre - Jean-Michel Jarre oft gar nicht kannten. Dabei ist der Franzose eine der wichtigsten und einflussreichen Persönlichkeiten der elektronischen Musik, wobei große Erfolge allerdings damals auch schon lange zurück lagen. Sein Durchbruch gelang ihm 1976 mit der Veröffentlichung seines legendären Albums "Oxygene". Seine Machart war richtungsweisend für elektronische Musik riss Kompositionslehren und Produktionsdogmen der Vergangenheit nieder. Mit bis heute über 80 Millionen weltweit verkauften Alben gehört Jean-Michel Jarre zu den erfolgreichsten Musikern der Geschichte, wird von DJs und Musikern aus der Szene immer wieder als wichtiger Einfluss und Impulsgeber genannt. Bahnbrechend waren damals aber nicht nur seine Scheiben, sondern vor allem auch seine Live-Shows und gigantischen Site-Specific-Performances. Mit seinen Konzerten an spektakulären Orten trug sich Jarre gleich mehrfach ins Guinness-Buch der Rekorde ein. Als erster Popstar des Westens wurde er 1981 eingeladen, im Post-Maoistischen China zu spielen. Andere denkwürdige Konzerte fanden zum Milleniumswende vor der Kulisse der Pyramiden von Gizeh, in der Sahara (2006) und vor dem Eiffelturm (1995) statt. Und nicht zuletzt hält Jean-Michel Jarre bis heute den Weltrekord an Konzertbesuchern - in Moskau spielte er 1997 vor über 3,5 Millionen Zuschauern.

Im Oktober 2015 dann katapultierte sich Jarre endlich mal wieder ins Rampenlicht. Vier Jahre hatte der 1948 in Lyon geborene Musiker, Komponist und Produzent an seinem Album "Electronica 1 - The Time Machine" gearbeitet, welches spektakulär wurde. Das Album bot ausschließlich Kollaborationen, zu denen Jarre Künstler ganz unterschiedlicher Genres ins Studio gebeten hatte, wie Vince Clarke von Erasure, Robert "3D" Del Naja von Massive Attack, Pete Townshend von The Who, Armin van Buuren, Filmregisseur und -komponist John Carpenter, Gesaffelstein, oder auch noch vor seinem Ableben Edgar Froese von Tangerine Dream. Das Album erreichte in mehreren Ländern, darunter Deutschland, die Top 5 der Albumcharts, stieg in Großbritannien bis auf Platz 8. Ein halbes Jahr später nur ließ Jarre "Electronica 2 - The Heart Of Noise" folgen, mit weiteren Kollaborationen - und die Scheibe war weit mehr als ein Aufguss des Vorgängers, sie toppte das Ganze sogar noch einmal. Die Zusammenarbeiten mit Künstlern wie den Pet Shop Boys, Gary Numan, Peaches, Sebastien Tellier, The Orb, Yello, Cindy Lauper oder auch Edward Snowden als überraschendstem Gast ergaben ein hervorragendes Album, welches uns zum Urteil brachte: "Im Verbund gesehen mit dem ersten Electronica-Teil scheint es, als wenn Jean-Michel Jarre sein Genius aus den Pyramiden von Gizeh, wo er 2000 eines seiner größten und besten Konzerte dargeboten hatte, ausgegraben hat, um als musikalisches Mastermind zurück zu kehren." Auch wenn die Chartpositionen der ersten "Electronica"-Scheibe nicht ganz bestätigt werden konnten (bis auf einen erneuten Platz 8 in Großbritannien), war auch dieses Album erfolgreich, und nun kannten vielleicht auch einige jüngere Semester den Altmeister, der eine große Tournee folgen ließ, die ihm viel Zuspruch und gute Kritiken einbrachte.

  

Dass Jean-Michel Jarre sich fortan aber nicht mehr nur über Kollaborationen definieren möchte, belegt er bereits sieben Monate später, im Dezember 2016, mit einem neuen, rein instrumentalen Album. Mit "Oxygene 3" schließt Jarre die Oxygene-Trilogie 40 Jahre nach der Veröffentlichung von "Oxygene" ab. Daher gibt es die neue CD nicht nur einzeln, sondern es gibt auch die drei Teile zusammen als "Oxygene Trilogy". Diese widerum gibt es als Dreifach-CD oder auch als Boxset, das neben allen drei Alben auf CD und Vinyl auch einen Bildband mit raren Fotos und Notizen zur Geschichte von Oxygene beinhaltet. Blicken wir auf die drei CDs:

Mit der Veröffentlichung von "Oxygene" gelang Jean-Michel Jarre 1976, wie oben erwähnt, der Durchbruch. Was für ein zeitloses Album! Jarre veröffentlichte "Oxygene" als sechsteiliges Opus, welches schnell Kultstatus unter den Freunden elektronischer Musik erlangte und bis heute mehr als zwölf Millionen Exemplare verkaufte. Zwischen New Age und Avantgarde schuf Jarre damals ein Konzeptalbum, welches mit rein instrumentaler Elektronik zwischen Träumereien und Nachdenklichkeit alle Sinne ansprach. "Oxygene (Part 1)" eröffnet die Scheibe als ruhiger, fast acht Minuten langer Opener und könnte heute noch auf jedem Chillout-Album zu den Highlights gehören. "Oxygene (Part 2)" ist genauso wie "Oxygene (Part 4)" ein Ohrwurm, mit tollen Melodien, sphärischen Klangflächen und seicht tanzbaren Beats großartig arrangiert, weich im Klang und bleibend im Eindruck. Dazwischen baut "Oxygene (Part 3)" etwas Dramatik auf, danach verbindet das zehnminütige "Oxygene (Part 5)" klassische Strukturen in ruhigen Momenten und trommelnden Elektrobass mit avantgardistischen, an Ravels "Bolero" angelehnten Passagen. Das abschließende "Oxygene (Part 6)" vereint wunderbar Klänge des Lebens wie Wellen oder Vogelgezwitscher mit der synthetischen Welt der Elektronik und wird so zum dritten Highlight des insgesamt sowieso als Highlight der Musikgeschichte agierenden Longplayers. CD bietet nicht die vor zehn Jahren zum 30. Geburtstag des Albums bereits neu gemasterte, damals bereits klanglich nochmal stark verbesserte Neuauflage des Originals, sondern eine dieses Jahr von den analogen Original-Tapes von Dave Dadwater noch einmal neu gemasterte Variante - klanglich auch hier ganz hervorragend.

Auch "Oxygene 7-13" hat Dave Dadwater von den analogen Original-Tapes neu remastert. Der zweite Teil der Trilogie erschien 1997 und knüpfte an den Klassiker aus dem Jahr 1976 an. 21 Jahre später hatte Jarre natürlich in puncto Sounds einiges mehr zur Auswahl, und doch nutzte er für die Scheibe viele der bereits in den 70ern verwendeten Synthesizer und Instrumente. Mit dem über 11 Minuten langen Highlight "Oxygene (Part 7)" wird das Album eröffnet, erst dynamisch und tanzbar mit Synthie-Klangwelten gefangen nehmend, dann am Ende sehr sphärisch. "Oxygene (Part 8)", "Oxygene (Part 10)", "Oxygene (Part 11)" und "Oxygene (Part 12)" kommen allesamt flotter und treibender daher, "Oxygene (Part 9)" und "Oxygene (Part 13)" setzen weit mehr auf atmosphärische Klangflächen und -welten, wobei beim abschließenden, mit warmen, zwischen Melancholie und Optimismus hin und her springenden Melodien versehenen Part 13 noch etwas grooviger Beat beigemischt ist. Nicht so revolutionär wie der Klassiker "Oxygene", aber durchaus ein gelungenes Album von Jarre, der damals auf Tour ging und am 6. September 1997 das besagte, für die Zuschauer kostenlose Mega-Konzert in Moskau spielte, vor geschätzten 3,5 Millionen Gästen, zur 850-Jahr-Feier der Stadt vor der Staatlichen Universität, inklusive einer Liveschaltung zur Raumstation Mir.


Nun also gibt es "Oxygene 3" als Abschluss der Trilogie. Jarre beschert seinen Fans sieben weitere Teile, produktionstechnisch wie immer allererste Sahne und unter dem Kopfhörer klanglich ein wahrer Genuss - hieran zweifelt man beim Altmeister, der hier sowohl klassische wie auch hochmoderne Musikproduktionsmethoden verwendete, aber ja eigentlich auch nie. Jarre ging genauso vor wie bei der Erschaffung des ersten Teils 1976. Er schloss sich sechs Wochen am Stück in sein Studio ein, um sich voll auf das neue Werk zu konzentrieren. Seine Inspiration bestand darin, seinem bedeutendsten Klassiker ein zeitgenössisches Gefühl zu verleihen. "Das erste Oxygene nahm ich auf einem 8-Spur-Rekorder mit sehr wenigen Instrumenten auf, weil ich keine andere Wahl hatte, als minimalistisch zu arbeiten. Diesen minimalistischen Ansatz habe ich auf 'Oxygene 3' versucht beizubehalten. Einige Momente sind nur um ein oder zwei Elemente herum aufgebaut, so wie auf der ersten Ausgabe." Auch beim Artwork lehnt sich Jarre an seinen Klassiker an. Als Interpretation von Michel Grangers Originalwerk für "Oxygene" ließ Jarre ein 3D-Modell des Schädels für das Artwork anfertigen. "Vor 40 Jahren entdeckte ich Michel Grangers visuelles Universum und spürte sofort eine unmittelbare Nähe zu der Musik, die ich komponierte. Seit damals ist das Cover berühmt geworden, es mutet wie eine ökologische Warnung an - dunkel und surreal - die sowohl den Weltraum als auch unseren existentiellen Lebensraum umfasst: Für mich ist dieses Bild mittlerweile untrennbar von der Musik. Deswegen wollte ich, dass 'Oxygene 3' sich in der gleichen optischen Welt bewegt und habe mich mit Michel Grangers Originalarbeit beschäftigt. Dabei habe ich das Motiv in eine andere Perspektive gerückt, quasi den Kamerawinkel geändert - was sich exakt mit dem Ansatz deckt, mit dem ich an dieses neue musikalische Kapitel herangegangen bin. Ich bat Michel Granger also um die Erlaubnis, ein 3D-Modell seines Entwurfs anzufertigen, um den Blickwinkel auf das Bild zu verändern und er hat freundlicherweise zugestimmt."

Das neue Album weiß wieder zu überzeugen. Man kann hören, dass Jean-Michel Jarre sehr kreativ an dieser Scheibe gefeilt hat und sie nicht nur arrangiert hat, um nach 40 Jahren das ganze irgendwie abzuschließen. Jarre erklärt: "Jubiläen bedeuten mir eigentlich nicht viel. Aber als ich vor zwei Jahren 'Electronica' aufnahm, arbeitete ich an einem Stück, aus dem 'Oxygene Part 19' wurde. Ich dachte darüber nach, wie 'Oxygene' klingen würde, wenn ich die Musik heute komponieren würde. Letztlich wurde das 40. Jubiläum des ersten Albums zu meiner Deadline. Ich spornte mich selbst an und gestattete mir sechs Wochen für die Aufnahmen, wie schon beim ersten 'Oxygene'-Album. Ich wollte vermeiden, zu viele Gedanken daran zu verschwenden, ob meine Idee richtig war. Und ich wollte alles aus einem Guss entstehen lassen. Es ging nicht darum, das erste Album zu kopieren. Vielmehr war mich wichtig, meinem Leitsatz treu zu bleiben und den Zuhörer auf eine Reise zu locken, von Anfang bis Ende - mit unterschiedlichen Kapiteln, die miteinander verbunden sind." Das ist gut gelungen. Einen bezüglich der Spieldauer herausstechenden Teil gibt es diesmal nicht, bis auf den mit unter drei Minuten vergleichsweise kurzen, eher als Interlude dienenden "Oxygene (Part 18)" bewegen sich alle Tracks zwischen vier und acht Minuten. Mit "Oxygene (Part 14)" geht es sphärischer los, bevor "Oxygene (Part 15)" dann auf akzentuiert blubbernde Soundspielereien setzt, begleitet von einem zarten, knarzenden Beat. "Oxygene (Part 16)" baut immer mehr Volumen auf und zieht auch klar im Tempo an, wenn auch am Ende wieder sphärisch gehalten. "Oxygene (Part 17)" kommt dann sehr eingängig daher, bietet feine Elektro-Melodien zu treibenden, aber immer noch sanften Beats - durchaus ein Ohrwurm. "Oxygene (Part 19)" ist dann eher wieder ein erzählerischer, Spannung aufbauender Track, bevor "Oxygene (Part 20)" mit bedrohlichen, brachialen Orgelklängen loslegt und dann in gleitende Synthieflächen mündet, die einen würdigen Abschluss des "Oxygene"-Gesamtwerks darstellen. Ein gutes Album, für Fans ein Muss - und als Dreifach-CD für andere vielleicht eine gute Gelegenheit, den Meilenstein "Oxygene" jetzt noch mit seinen kleinen Brüdern zusammen kennen und lieben zu lernen.

Abschließend findet ihr hier noch den sehr interessanten Videoclip zu "Oxygene, Pt. 17". Mit zeitweilig eingebauten Sequenzen, die ihn inmitten der spektakulären Bühnenkonstruktion seiner Electronica World Tour zeigen, überwindet der zeitlose und innovative Spirit Jarres für sein neuestes, visuelles Projekt einmal mehr Grenzen. Im Video verbindet er unsere faszinierende Außenwelt mit der schnell fortschreitenden Rolle der technologischen Modernisierung. Jarre betont in dem Video auch das SETI-Institut und dessen unermüdlichen Versuch, in unserem stetig in Erweiterung begriffenen Universum Kontakt zu außerirdischem Leben herzustellen. Dafür schichtet er Melodien, pulsierende Synths und kräftige Bass-Lines während der gesamten Dauer des Videos übereinander. In dem Video blitzen Clips der größten Errungenschaften der Menschheit, vor allem der Raumfahrt, neben Landschaften großer Infrastrukturen und Computern auf.



Mehr Informationen zu Jean-Michel Jarre gibt es auf www.jeanmicheljarre.com und www.facebook.com/jeanmicheljarre.

(Tobi)