CTS-MUM
Reading Festival, Reading (UK), 22.08. - 24.08.2003
 


1973 oder 2003? Vier langjährige Jungs in "Thin Lizzy"-T-Shirts und mit geklonten AC/DC-Riffs versetzten das Publikum beim englischen Reading-Festival in einen wahren Freudentaumel: Euphorisch schwenkten die "Darkness"-Fans ihre Flaggen zum rustikalen Hard-Rock-Beat der munteren Truppe und zum Falsetto-Gesang von Frontmann Justin Hawkins. "Wer hat an der Uhr gedreht?", fragte man sich unwillkürlich. Spätestens als "Blur" ihren Poptiger aus dem Tank packten, fühlte man sich ins Hier und Jetzt zurückversetzt, wusste man wieder: "Wir schreiben das Jahr 2003".

Der Trend der vergangenen Jahre, er setzte sich auch in diesem Jahr fort: Weniger Brit-Pop, weniger Erbauliches, weniger Entdeckungen, doch dafür umso mehr harte Banalitäten, mehr Eintöniges und vor allem viel mehr Sound aus dem Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Ein kleiner Trost für all jene, deren musikalische Gaumen nicht auf Hausmannskost stehen: Die musikalischen Juwelen musste man noch lange nicht mit der Lupe suchen – egal ob es sich um melodiöse, experimentelle oder lärmige Töne handelte.



Absolutes Festivalhighlight war der Auftritt der englischen Band "Blur", die 80.000 Fans zwei Stunden lang mit einem dramaturgisch geschickt inszenierten Programm fesselte. Wie in ihrer 15-jährigen Karriere erfand sich auch an diesem Abend die Gruppe immer wieder neu. Die Kombo konnte zwei hochkarätige Gäste begrüßen: Schauspieler Phil Daniels und Gastgitarrist Simon Tong (ex-"The Verve"), der den ausgeschiedenen Graham Coxon ersetzte. "Blur" weckten romantische Gefühle in einer lauen Sommernacht ("Tender"), ließen die Punkkorken knallen ("Song 2") und lebten sich in den rhythmischen Exkursionen ihres aktuellen Albums "Think Tank" so richtig aus. Ein meisterliches Konzert, bei dem die Musiker auf dem schmalen Grat zwischen Intellekt und Zerstreuung wie Seiltänzer balancierten, ohne jemals das Gleichgewicht zu verlieren.



Die anderen Bands aus der Brit-Pop- und Brit-Rock-Fraktion taten es ihnen gleich: Die "Thrills" verzauberten mit einem sonnigen Stück California-Pop, "Placebo" fesselten mit ihrer androgyn-dunklen Aura und "Elbow" mit ihren bittersüßen Rockexperimenten zwischen "Coldplay" und "Radiohead", bei deren Konzert man eine Nadel hätte fallen hören können, so andächtig lauschte das Publikum. Eine Dosis Techno-Rock gefällig? "Primal Scream" verabreichten sie, die mit ihrem Mix aus angesagten Dancefloor-Rhythmen und kultigen Garagenrockriffs so nah am Puls der Zeit waren, wie keine andere Band des Festivals. Hörenswert waren auch die "Doves": Ihr groovender, intensiver Melancholie-Rock zog dem Zuhörer die Gänsehaut auf.



Das Prädikat "Skurrilste, exotischste und abgefahrenste Band des Open Airs" verdiente sich das Ensemble "Polyphonic Spree": Einen solchen Chor hatte das Musikuniversum zuvor noch nicht erlebt. Mit welcher Wucht, Hingabe und Leidenschaft das 23-köpfige Ensemble um den ausgeflipppten Chorleiter Tim De Laughter einen ausgefallenen Bombastsound zwischen sanften Orchestertönen, euphorischen Gospelklängen und wüsten Psychedelic-Orgien erzeugte, das war schon mehr als beeindruckend.



Harte Töne konnte man auf der "Alien Ant Farm" hören. Mit einer coolen Version des Sade-Klassikers "Smooth Operator" bewies die Gruppe, dass sie mehr drauf hat als nur ihre Coverversion des Michael Jackson-Klassikers "Smooth Criminal", die ihnen einen Welthit beschert hatte. Locker vom Hocker elektrisierte "Staind"-Sänger Aaron Lewis das Publikum mit einem akustischen Grunge-Programm, das sich gewaschen hatte. Coole Punktöne zwischen tiefgründigen Botschaften, spaßigen Einlagen und einem Schuß Crossover servierten "Blink 182", "Good Charlotte", "Sum 41" und "Bowling For Soup". Mit ihrem temperamentvollen Crossover-Rock begeisterte die amerikanische Formation "Linkin Park". Cool: Tausendsassa Beck ließ mit einer rockigen Version von "Nellys" Charthit "Hot in Here" aufhorchen.



Zu den Enttäuschungen des Festivals zählten die Auftritte der "Libertines" und des "Black Rebel Motorcycle Clubs". Während bei ersteren die Pop-Punkraketen nicht so recht zünden wollten, da die eingängigen Melodien im Gitarrenlärm untergingen, gelang es letzteren nicht so recht eine düstere und vor allem eigenständige Aura zu erschaffen, die den Zuhörer so richtig mitreißt. Anstatt in leuchtendem Schwarz zu erstrahlen, legte sich ein Grauschleier über den Auftritt des "Black Rebel Motorcycle Clubs", der kein echter Ersatz für die ausgefallenen "White Stripes" war.



Über die wiedererstarkten "Metallica" große Worte zu verlieren, hieße Eulen nach Athen tragen. Auch in Reading demonstrierte die Gruppe eindrucksvoll, weshalb ihr neues Album den Titel "St. Anger" zu recht trägt. In bis zu elfminütigen Metalkrachern musizierten sich die Altmeister ihren Zorn und Frust aus der Seele. Kurzum: "The Master of puppets are back!". Mit diesem Highlight für alle Fans härterer Klänge endeten drei interessante Tage aus popmusikalischem Sonnenschein und dunklem Rockgewitter

(Stephan)