Crazy

D: Robert Stadlober, Tom Schilling, Oona-Devi Liebich, R: Hans-Christian Schmid, 95 Min.

Nach "23" widmete sich Regisseur Hans-Christian Schmid mit "Crazy" einem ganz anderen Thema, der Verfilmung eines autobiographischen Romans von Benjamin Lebert, den dieser mit gerade einmal 16 Jahren verfasst hatte und der 1999 als Bestseller für Aufsehen und Medienrummel sorgte. Schmid hatte bereits nach einer Vorab-Kritik Interesse gewonnen und sich die Rechte gesichert, kein Wunder bei dieser Geschichte.
Benjamin (Robert Stadlober), bisher nicht unbedingt ein Musterschüler, wird von seinen Eltern auf das idyllisch gelegene bayerische Internat Neuseelen geschickt, um endlich die neunte Klasse und dann auch das Abitur zu schaffen, wofür er vor allem in Mathematik von seinen unterirdischen Leistungen wegkommen muss. Dabei geht im alles andere als Mathe im Kopf herum. Benjamin ist 16 Jahre alt, steckt also mitten in der Pubertät. Durch eine halbseitige spastische Lähmung des linken Armes und Beines gehandicapt versucht Benjamin, sich natürlich und selbstbewusst zu zeigen, und so stellt er sich auch in seiner ersten Schulstunde, Französisch, mit "Je m'apelle Benjamin, und ich bin ein Krüppel, nur damit ihr es wisst." vor. Seinen Zimmergenossen Janosch (Tom Schilling) scheint dies alles nicht groß zu berühren, er ist ziemlich trocken, unnahbar und desinteressiert. Janosch behandelt Benjamin völlig normal, was dieser aber erst einmal erkennen muss. Das Ritual, als Neuankömmling von den anderen geduscht zu werden, bleibt somit auch Benjamin nicht vorenthalten, was dieser allerdings anfänglich als Angriff gegen sich wertet, bevor er begreift, wie er sich in die Gruppe integriert. Im Großen und Ganzen läuft dann nach kurzer Zeit alles gut. Benjamin schließt mit Janosch doch Freundschaft, und mit dem dünnen Felix, dem ruhigen Troy, dem beleibten Kugli und Florian, den alle nur "Mädchen" nennen, haben die Jungs eine verschworene Gemeinschaft. Zusammen besaufen sie sich mit Bier beim Lagerfeuer am See, zusammen machen sie einen unerlaubten Ausflug in ein Striplokal in Rosenheim, zusammen betreiben sie Pubertätsspielereien wie das Kekswichsen. Benjamin ist mittendrin und keineswegs ausgegrenzt. Ob er als schüchterner Typ, der noch nie Sex hatte, allerdings bei der hübschen Malen (Oona-Devi Liebich), in die er sich verknallt hat, die gleichen Chancen hat wie der eher draufgängerische Janosch, der ebenfalls auf Auge auf sie geworfen hat, das bleibt abzuwarten, ebenso, inwieweit die Buhlerei die Freundschaft der beiden Zimmergenossen gefährdet. Nebenher belastet Benjamin die Entzweiung seiner Eltern, die er bei Besuchen zuhause bitterböse miterleben muss. So erfreut er sich eher an der Zeit im Internat und allem, was dort passiert, auch wenn Mathe weiter leidet.
"Crazy" ist ein angenehmer Film über das Erwachsenwerden, der fernab von Screwball-Komödien die ja wirklich erlebten Geschichten des Benjamin Lebert in stimmungsvolle Bilder und ebensolche Musik verpackt, ohne zu überziehen, ohne Effekthascherei zu betreiben und ohne zu beschönigen. Gedreht hat man am gleichen Internat, in dem Benjamin wirklich gewesen ist, schon dies zeigt, dass Hans-Christian Schmid die Authentizität wichtig war. Langweilig ist die gezeigte Betrachtung einer gewissen Lebensphase in keiner Weise, im Gegenteil, man erkennt viel von sich selbst wieder, von den Wirrungen, die man während der Pubertät durchlebt, und so hat man viel zu schmunzeln. Schauspielerisch kann Robert Stadlober beweisen, dass er mehr ist als der kleine Wuschel aus "Sonnenallee", und der ebenfalls überzeugende Tom Schilling hat mit seiner Ausstrahlung sicher auch das Zeug, zum Frauenschwarm zu avancieren. "Crazy" ist ein schöner, gelunener Streifen.

Wertung: 8 von 10 Punkten

(Tobi)