East-West

D: Sandrine Bonnaire, Oleg Menshikov, Sergei Bodrov Jr., Catherine Deneuve, R: Regis Wargnier, 120 Min.

Über den zweiten Weltkrieg sollte man, zumindest in der Schule, schon einiges gehört haben. Was aber sich nach dem Krieg für Schicksale abspielten in den verschiedenen Ländern, das ist einem oftmals sicherlich nicht bewusst. Einen kleinen Splitter dieser Wissenslücke beseitigt "East-West", ein zweistündiger Film, der das Schicksal einer Französin erzählt, die aus Russland zurück in den Westen fliehen will, der hierbei aber nicht vergisst, den historischen Rahmen klar zu umreißen, einen erschreckenden, bedrückenden Rahmen der Realität. Im Juni 1946 versprach Stalin in einer groß angelegten Propaganda-Kampagne den nach der Oktober-Revolution in den Westen ausgewanderten Russen vollkommene Straffreiheit, sollten sie sich dazu entschließen, wieder in die UdSSR zurückzukehren. Die gutgläubigen Ankömmlinge erwartete aber ein Leben in Gefangenschaft, nach Deportation fernab des Ortes, den sie anvisiert hatten, oder gleich ihre Exekution. Hier knüpft "East-West" an, auf einem Schiff voller Heimkehrer, die freudig singend und trinkend Richtung Odessa fahren. Unter den Passagieren befinden sich der Mediziner Alexei (Oleg Menshikov), seine französische Ehefrau Marie (Sandrine Bonnaire) und ihr gemeinsamer Sohn Serioja. Sie sind es, die als einzige von der geschilderten Massenbestrafung verschont bleiben, wenn man dies bei Schlägen und zeitweiliger Trennung so nennen kann. Erst als Alexei zustimmt, einen "Muster-Heimkehrer" aus sich machen zu lassen, werden die Drei wieder zusammengeführt. Sie landen in Kiew, wo sie in einem Zimmer einer Gemeinschaftswohnung leben müssen und Alexei als Betriebsarzt einer Textilfabrik arbeitet. Marie weigert sich, das aufgezwungene Dasein zu akzeptieren und will unter allen Umständen zurück nach Frankreich, ihr Mann beugt sich dem System, was beide entzweit. Während Alexei sich in eine Mitbewohnerin verliebt und in ihr gegenüberliegendes Zimmer zieht, kümmert sich Marie um den jungen Sasha (Sergei Bodrov Jr.), einen hochtalentierten Schwimmer, den sie ins Nationalteam zurückführen möchte. Einen Hoffnungsschimmer in puncto Heimat sieht sie in der berühmten französischen Schauspielerin Gabrielle (Catherine Deneuve), die in der Stadt spielt und der sie einen ihre Lage schildernden Brief übergeben kann. Was aber soll sie tun? Die lange Zeit zwischen Warten, Bangen und Planen in der Tristesse der Fremde setzt sich fort.
"East-West" konzentriert sich auf die Geschichte von Marie und Alexei, bettet sie aber in den beklemmenden Rahmen der damaligen Machtlosigkeit, die man als Heimkehrer nach Russland zu spüren bekam. Ein Film, der berührt und nachdenklich macht, ganz abseits der durchaus spannenden Frage, ob Marie nun nach Frankreich zurückkehrt oder nicht. Schauspielerisch gute, anspruchsvolle Unterhaltung.

Wertung: 8 von 10 Punkten

(Tobi)