EINE DUNKLE BEGIERDE
Darsteller:  Keira Knightley, Michael Fassbender, Viggo Mortensen, Vincent Cassel
Regie:  David Cronenberg
Dauer:  99 Minuten
FSK:  freigegeben ab 16 Jahren
Website:  movies.uip.de/einedunklebegierde
 

David Cronenberg, der Meister der obskuren, etwas irritierenden Kinounterhaltung („Naked Lunch“, „eXistenZ“), die sich auch immer manipulativ mit der Psyche aller Beteiligter auseinandersetzte, nimmt sich hier eines Themas an, das besagtem gar nicht so fern liegt. Das zeugt wohl vor allem davon, dass sein Hauptinteresse schon seit jeher der Psychologie gilt. Nur ist der Blickwinkel diesmal ein ganz anderer, denn mehrdeutige Bilder oder gar metaphysische Sequenzen bleiben komplett außen vor, wenn er sich in für seine Verhältnisse geradezu historisch-dokumentarischer Form den Anfängen der Psychoanalyse nähert.

Auf wahren Begebenheiten basiert die Geschichte von Carl Gustav Jung (Michael Fassbender), Anhänger der Lehre Siegmund Freuds, der Anfang des vorigen Jahrhunderts die psychiatrische Abteilung eines Sanatoriums im schweizerischen Küsnacht leitet, als ihm eine besonders interessante Patientin zugeführt wird. Die junge Russin Sabina Spielrein (Keira Knightley) ist nach jahrelangen Misshandlungen durch ihren Vater zwar massiv psychotisch aber andererseits auch extrem intelligent und selbstbewusst. Im Zuge der stationären Behandlung bekommt man schnell ein Bild davon, wie vielschichtig Jungs Faszination von ihr ist, die sich Stück für Stück von fachlichem Interesse in Richtung sexueller Begierde verschiebt. So gerät er in einen Strudel aus therapeutischem Experimentierwillen, gegenseitiger Beeinflussung und fleischlicher Lust, der ihn bald an die Grenzen seiner professionellen Widerstandskraft bringt. Einmal Sabinas Verlockungen erlegen, wird bald zur Gewohnheit, was gesellschaftlich nicht sein darf, und so bleibt nur der Ausweg der räumlichen Trennung.

Jung widmet sich ganz seinen klinischen Studien und seinem Leben als gediegener Familienvater, während Sabina Blut geleckt hat und sich in Wien beim Meister Sigmund Freud (Viggo Mortensen) persönlich zur Psychologin ausbilden lässt. Dass den wenig später das gleiche Schicksal ereilt wie Jung, ist ihrer Beziehung zueinander wenig zuträglich und wirft obendrein beträchtliche Fragen über den Erfolg ihrer Therapiemethoden auf.

Das Ganze ist zwar solide geschauspielert – besonders Keira Knightley weiß mit ihrer Darstellung der Sabina Spielrein zu beeindrucken – bleibt aber unerklärlicherweise irgendwie an der Oberfläche stecken. So lernt man wohl eine Menge über die Geschichte der Psychoanalyse, die emotionalen Akzente aber sind mit dem Besuch Jungs bei Freud in Wien und seinem tragisch endenden Therapieversuch an einem Kollegen (herrlich anarchisch: Vincent Cassel) dünn gesät.

Wertung: 5 von 10 Punkten

(Mick)