GOMORRHA - REISE IN DAS REICH DER CAMORRA
Darsteller:  Gianfelice Imparato, Salvatore Cantalupo, Toni Servillo
Regie:  Matteo Garrone
Dauer:  129 Minuten
FSK:  freigegeben ab 16 Jahren
Weblink:  www.gomorrha-derfilm.de
 

Als Roberto Savianos gleichnamiger Roman 2006 erschien, schlug er in Italien ein wie eine Bombe. Basierend auf seinen jahrelangen Recherchen in Mafiakreisen rund um Neapel und Caserta war ein Buch entstanden, das die kriminellen Machenschaften der Camorra schonungslos aufdeckte. Dies führte dazu, dass seitdem Savianos Leben massiv bedroht ist und er kurze Zeit später auf Personenschutz angewiesen untertauchen musste.

Jetzt kommt unter der Regie von Matteo Garrone die Verfilmung dieses Romans in die Kinos und lässt einem buchstäblich die Kinnlade runterfallen. Zwar ist die Handlung teilweise fiktional, soll aber dem gängigen Geschehen vor allem im neapolitanischen Vorort Scampìa hundertprozentig entsprechen. Und so verfolgt man erschreckt die Schicksale einiger Bewohner dieses Armenviertels, die in einzelnen geschickt miteinander verwobenen Episoden wiedergegeben werden, in denen die Verstrickung der Camorra in kriminelle Handlungen ganz verschiedener Bereiche mehr als deutlich wird.

Gedreht wurde hauptsächlich in einer verlassenen Betonwohnburg in der Nähe von Neapel, deren trostloses grau einen vom ersten Moment an förmlich zu ersticken droht. Und dieses Gefühl der Beklemmung, der allgegenwärtigen Kriminalität und Gewalt lässt einen für die nächsten gut zwei Stunden nicht mehr los. Eingefangen durch die Handkamera kann man sich ihm gar nicht erwehren, tritt man einmal hinaus auf die endlosen Gänge, auf denen Drogen wie Süßigkeiten verkauft werden, immer unter Beobachtung der hauptsächlich auf den Dächern patroullierenden, hochbewaffneten Clan-Soldaten.

So kommt es auch nicht von ungefähr, dass man gleich eingangs Zeuge eines brutalen Clanmords wird. Wurde in dem Wellness-Tempel unter den Mafiosi gerade noch gut gelaunt geflachst, liegen sie Sekunden später auch schon alle in ihrem Blut, erschossen von Mitgliedern eines verfeindeten Clans als wäre es die natürlichste Sache der Welt. Überhaupt die Schüsse: So realistisch erschienen sie einem noch nie, alles Bisherige kommt einem vor wie weichgezeichnet - oder ist es nur der Effekt, den die Handlung hat, die man als Beobachter detailliert und knallhart miterlebt?

Knallhart ist wohl das Wort, mit dem der Film das Leben in Scampìa treffend beschreibt. Alles wird dem Clan untergeordnet, der im Gegenzug für einen sorgt, bis er keine Verwendung mehr für einen hat. Man hat keine Wahl, wird hineingeboren, irgendwann rekrutiert und befolgt nach einem aberwitzigen Aufnahmeritual Befehle. Eigenes Gewissen und Rechtsempfinden unerwünscht. Das große Geld aber machen nur die Leute an der Spitze der Pyramide mit guten Beziehungen zu Regierungskreisen, nicht nur mit Drogen sondern auch mit Designermode und, besonders widerwärtig und skrupellos, mit der Entsorgung von Industriegiftmüll. Die Polizei kann dabei nur ohnmächtig zusehen und hin und wieder mal eine Leiche abtransportieren.

Man bekommt einfach eine Auswahl an offensichtlich allgegenwärtigen Camorra-Aktivitäten direkt um die Ohren gehauen, die einen ob der Verfilzungen erstmal sprachlos macht. Endlich ein Film, der mit dem verklärten, glorifizierten Bild der italienischen Mafia aufräumt und einem mit äußerster Brutalität die Augen öffnet. Es bleibt ein beängstigendes Bild der Hoffnungslosigkeit.

Wertung: 10 von 10 Punkten

(Mick)