IM LABYRINTH DES SCHWEIGENS
Darsteller:  Alexander Fehling, André Szymanski, Friederike Brecht, Johannes Krisch
Regie:  Giulio Ricciarelli
Dauer:  123 Minuten
FSK:  freigegeben ab 12 Jahren
Website:  im-labyrinth-film.de
 

An Aktualität hat das Thema kaum eingebüßt, wie die immer noch regelmäßig unsere Aufmerksamkeit erregenden Meldungen von entdeckten KZ-Aufsehern zeigen. Und obwohl die Natur diesen Ereignissen Gott sei Dank bald ein Ende bereiten wird – seit Kriegsende sind jetzt immerhin schon fast 70 Jahre ins Land gegangen, aber Unkraut vergeht ja bekanntlich nicht -, will man sich gar nicht ausmalen, wie viele der damaligen Peiniger all die Zeit über unbehelligt leben konnten. Damit sind wir auch schon mitten im Thema des Kino-Erstlings von Regisseur Giulio Ricciarelli, der uns ein enorm wichtiges Stück deutscher Geschichtsaufarbeitung näher bringt.

Frankfurt am Main, Ende der 50er Jahre: Keinem Auschwitz-Wärter ist jemals der Prozess gemacht worden, ja über zehn Jahre nach Ende der Gräueltaten im polnischen Lager sagt der deutschen Öffentlichkeit der Begriff des Konzentrationslagers Auschwitz gar nichts. Da meint der jüdische Künstler Simon Kirsch (Johannes Krisch) in einem Lehrer seinen damaligen KZ-Aufseher wiederzuerkennen und bringt zusammen mit seinem Bekannten, dem Journalisten Thomas Gnielka (André Szymanski) den Stein ins Rollen. Gnielka stößt daraufhin mit seinen Informationen beim ambitionierten Jung-Staatsanwalt Radmann (Alexander Fehling) auf offene Ohren, der empört die Verbrechen zum ersten Mal offiziell zur Anzeige bringt.

Überhaupt taugt diese fiktive Figur des Johann Radmann ganz hervorragend als Transportmittel für die Mischung aus anfänglicher Ungläubigkeit, Entsetzen und Wut, die sich gegen die damals vorherrschende, gleichgültige Stimmung im miefigen, hauptsächlich verdrängenden Wirtschaftswunderland richtet. Radmann bildet den zentralen Knotenpunkt zwischen realer Geschichte – eigentlich waren drei junge Staatsanwälte mit den Ermittlungen betraut - und Fiktion, und Fehling füllt ihn wunderbar mit Leben. Da hätte es der zusätzlichen Dramatik durch den Nebenkriegsschauplatz Privatleben gar nicht bedurft, so dicht gestalten sich Radmanns Ermittlungen, doch kein Spielfilm ohne Liebesgeschichte…

Fern des Internetzeitalters werden monatelang Telefonbücher gewälzt, Anrufe getätigt, Hausbesuche gemacht, um irgendwie Zeugen aufzutreiben und deren detaillierte Aussagen festzuhalten. Die sind dann gerade durch das Wissen um den Realitätsbezug wirklich ergreifend. Besser kann man in die damalige Atmosphäre der nervenaufreibenden Sisyphusaufgabe wohl nicht eintauchen, als durch Begleitung der akribischen Arbeit der Staatsanwaltschaft und deren Ankämpfen gegen die Widrigkeiten in der immer noch von Ex-Nazis durchsetzten Nachkriegsgesellschaft. Außer Radmanns Hartnäckigkeit ist es tatsächlich nur dem glücklichen Umstand zu verdanken, dass er mit dem hessischen Generalstaatsanwalt Fritz Bauer (Gert Voss in seiner letzten Rolle) einen Vorgesetzten hat, der sich genau wie er selbst die Aufarbeitung der Nazi-Verbrechen auf die Fahnen geschrieben hat, dass es letztendlich zur Anklage und der Auslöschung des weißen Flecks Auschwitz in der Wahrnehmung deutscher Geschichte kommt.

Ein Film, der aufwühlt, mit dem Frankfurter Auschwitz-Prozess eines der wichtigsten Kapitel Deutschlands beleuchtet und dabei durch die überaus intelligente Verknüpfung von Fiktion mit wahren Begebenheiten absolut fesselt. Besseres Historiendrama hat man lange nicht gesehen.



Wertung: 9 von 10 Punkten

(Mick)