In stürmischen Zeiten

D: Christina Ricci, Cate Blanchett, John Turturro, Johnny Depp, R: Sally Potter, 97 Min.

Wer reitet so spät durch Nacht und Wind? Nun, das wird wohl Johnny Depp sein, der in Sally Potters "In stürmischen Zeiten" als Zigeuner Cesar fast immer mit weißem Oberhemd und vor allem weißem Schimmel an der Hand oder unter dem Hintern zu sehen ist - Frauenherzen mögen trotz großer Narbe in Cesars Gesicht ob dieses Anblicks dahinschmelzen, etwas übertrieben wirkt dieses Szenario aber schon. Die Handlung beginnt, in eher grauen, weich gezeichneten Farbtönen gemalt, im Russland 1927, als das kleine jüdische Mädchen Fegele vom geliebten Vater verlassen wird, der vor Progromen nach Amerika flieht und plant, die Familie später nach zu holen. Als das Dorf jedoch kurz drauf nieder gebrannt wird, drückt die Großmutter dem Mädchen einige wenige Goldmünzen für die Fahrt nach Amerika in die Hand, und alleine mit diesen und einem Bild des Vaters landet Fegele auf einem Schiff, das sie allerdings lediglich nach England bringt, wo sie bei einer Pflegefamilie aufwächst, unter dem neuen Namen Suzie, von Mitschülern als Zigeunerin getriezt, die neuen Eltern nie liebend, schon weil sie ihr das Bild des Vaters wegnahmen. Ihr walisischer Lehrer macht dem Mädchen klar, dass sie ihre Vergangenheit vergessen und sich ihrer neuen Heimat anpassen muss, erkennt aber schnell auch das Gesangstalent des Mädchens. Durch ihre Stimme landet die herangewachsene Suzie (Christina Ricci) in den späten 30er-Jahren in Paris (hier dominieren natürlich bunten Farben), wo sie Mitglied einer Revue-Truppe wird und mit der russischen Tänzerin Lola (Cate Blanchett) zusammen zieht. Beide wollen sie gemeinsam Geld für die Überfahrt nach Amerika sparen. Bei einer Veranstltung lernen sie den Star-Tenor Dante (John Turturro) kennen, der den beiden Frauen eine Anstellung an der Oper Felix Perlmanns (Harry Dean Stanton) vermittelt. Ein sorgenfreies, wohlhabendes Leben im Auge setzt Lola alle weiblichen Mittel ein, um Dante für sich zu gewinnen, was ihr auch gelingt, allerdings zu einer Entfremdung von Suzie führt. Diese fühlt sich mehr zum ebenfalls an der Oper angestellten, aber als Zigeuner aus unterster Schicht stammenden Cesar hingezogen, der mit seinem weißen Schimmel (da haben wir ihn wieder) durch das nächtliche Paris reitet oder auf der Bühne steht. Bei ihm und seiner Familie fühlt sie sich an alte Kindstage erinnert und wohl. Nach Beginn des zweiten Weltkriegs führt der Einmarsch der Nazis in Paris zu einer Phase der Entscheidung, denn Suzie als Jüdin steht vor der Wahl zwischen Liebe und Leben.
"In stürmischen Zeiten" versäumt es, aus der eigentlich mehr als eindimensionalen Story einen wirklich interessanten und packenden Streifen zu entwickeln. Schauspielerisch wissen die Darsteller zu gefallen, vor allem John Turturro wieder einmal, und auch in puncto Musik ist der Film positiv zu erwähnen, die Openarien und klassische Klänge sind ein wahrer Genuss. Die Handlung bleibt jedoch zwischen gewollt künstlerischer, aber nie das Ziel erreichender Bilderpracht mit jeder Menge Filtereffekten auf den Bildern und Kitsch auf der Strecke, ohne Spannung aufzubauen, ohne Höhen und Tiefen zu umreißen, und die letztendlich heraufbeschwörte Dramatik verläuft sich im Nichts. Eher für die Ohren, als für die Augen.

Wertung: 4 von 10 Punkten

(Tobi)