Felicia, mein Engel

D: Bob Hoskins, Elaine Cassidy, Peter McDonald, R: Atom Egoyan, 116 Min.

Joseph Ambrose Hilditch (Bob Hoskins), wohlbeleibter Junggseselle mittleren Alters, ist Chef einer Catering-Firma. Im Beruf legt er Wert auf Qualität, testet deshalb mit Leidenschaft die Speisen selbst und ist auch nicht sparsam mit Kritik oder Lob, je nach Gefallen. Seine Bediensteten haben viel Respekt vor ihm, wissen aber auch, in ihm einen menschlichen, herzlichen Vorgesetzten zu haben. Als ihm zum Beispiel ein computergestütztes System für Firmenkantinen vorgestellt wird, da argumentiert er entgegen allen möglichen finanziellen Einsparungen damit, dass die Menschen in einer Küche für ihn immer noch das Wichtigste seien. Auch privat legt Hilditch Wert auf Qualität, kocht er sich in seinem großen Haus in Birmingham doch allabendlich ein prächtiges Menü, stets nach dem Vorbild einer alten Schwarz-Weiß-Kochsendung, die er im Fernsehen sieht und deren Tipps er haargenau befolgt. So sitzt der dann, immer korrekt gekleidet, alleine bei einem Festessen am großen Tisch und verspeist genüsslich das Mahl. Ein Mann, den man trotz - oder gerade aufgrund - seiner Marotten auf den ersten Blick lieb haben muss.
Als er eines Abends nach Dienstschluss mit seinem Oldtimer den Werksparkplatz verlässt, da entdeckt er Felicia (Elaine Cassidy), die suchend am Straßenrand steht. Felicia kommt aus Irland, wo sie sich, entgegen aller Ratschläge ihres strengen Vaters, mit Johnny Lysaght (Peter McDonald) eingelassen hatte. Eines Tages verließ Johnny die Heimat, um - so sagte er ihr - in einer Rasenmäherfabrik in England zu arbeiten. Felicias Vater meinte, zu wissen, dass Johnny sein Land verraten habe und nun in die britischen Armee eingetreten sei, dies aber wollte die Tochter ihm nicht glauben. Als dann auch noch herauskam, dass Felicia schwanger ist, wurde sie vom Vater verstoßen, da sie das Kind des Feindes in sich trage. Mit einem Rucksack und etwas Geld der kranken Großmutter machte sich Felicia auf den Weg nach England, um Johnny zu finden, auch wenn er ihr keine Briefe geschrieben hatte, wie er versprach. Da steht sie nun also und fragt Hilditch, ob in seiner Fabrik Rasenmäher hergestellt würden, was er nur verneinen kann. Am nächsten Tag treffen sich Beide, als Hilditch, das Auto voller Tüten, vom Einkaufen kommt, wieder. Hilditch nennt Felicia eine kleine Pension, in der sie preiswert übernachten kann.
Zuhause bereitet er wiederum ein Mahl zu, und als im Fernsehen ein kleiner, pummeliger Junge zu der vorkochenden Frau stößt, wird langsam klar, dass er dies ist und es sich nicht um irgendeine Kochsendung handelt, sondern um eine Videoaufzeichnung der TV-Show seiner Mutter. Dies war seine Kindheit, und er scheint irgendwie besessen. Nach und nach entdeckt man die dunkle Seite des anfänglich so liebenswürdigen Mannes. In seinem Auto ist eine versteckte Kamera installiert, deren Aufnahmen von Mädchen er zuhause ordentlich archiviert. Hilditch ist ein einsamer Mann, der das Gespräch mit jungen, problembehafteten Mädchen zu suchen scheint. Doch dies ist nicht alles, es wird klar, dass er die Mädchen in dem Moment, wo sie den Kontakt abbrechen wollten, nicht mehr gehen ließ. Felicia kommt ihm also wie gerufen. Am nächsten Morgen passt Hilditch Felicia nah ihrem Nachtquartier ab und lädt sie in seinen Wagen ein, um ihn in eine nahgelegene Stadt zu begleiten, in der seine erfundene, kranke Frau im Hospital liege und in der es eine Fabrik für Rasenmäher gebe. Nach anfänglichem Zögern fährt Felicia mit ihm, nicht ahnend, worauf sie sich einlässt...
"Felicia, mein Engel" ist ein Film, der geschickt das Psychogramm von Hilditch beschreibt, von den liebenswürdigen und leicht schrägen Seiten bis zu seiner Böshaftigkeit. Die naive, unschuldige Felicia gerät zunehmend in Hilditchs Fangarme, ohne dies erkennen zu können. Die Spannung des Streifens steigt somit kontinuierlich, allerdings besitzt der Film auch seine Längen, wo er etwas auf der Stelle tritt. Hier hätte man ihn etwas knackiger und flotter inszenieren können, ohne die Wertlegung auf den Einblick in Hilditchs Psyche und die Ursachen für die dunklen Seiten in selbiger zurückschrauben zu müssen. Fazit: interessant gemacht, ohne Action, dafür hintergründig, aber etwas langatmig.
Wertung: 6 von 10 Punkten

(Tobi)