Johanna von Orleans

D: Milla Jovovich, John Malkovich, Faye Dunaway, Dustin Hoffman, R: Luc Besson, 180 Min.

Wie viele Verfilmungen der Geschichte von Jeanne d'Arc gibt es eigentlich schon? War es denn da unbedingt notwendig, dieser Reihe eine weitere hinzuzufügen? Luc Besson ist augenscheinlich dieser Meinung gewesen, so fasziniert war er von der Story, sonst hätte er dieses Projekt wohl nicht in Angriff genommen. Und diese Faszination ist über die gesamte Länge des Films und es ist ja kein kurzer spürbar. Man sieht ihn geradezu vor sich, wie er, über dicke Bücher gebeugt, recherchiert, jede Information in sich aufsaugt und versucht immer noch ein wenig mehr über diese legendäre Frau zu erfahren. Dementsprechend tief ist dann der Film auch geraten, denn er beschäftigt sich so eindringlich mit den sonderbaren Dingen, die in Jeanne (Milla Jovovich) vorgehen, dass das eigentliche Geschehen, so packend und brutal die Kampfsequenzen auch inszeniert sein mögen, fast zur Nebensache wird. Somit sieht man nicht nur eine junge Frau, die von Gott auserwählt wird, um Charles VII (John Malkovich) zum Sieg über die Engländer zu verhelfen, wie ja schon aus anderen Quellen allgemein bekannt sein dürfte, sondern bekommt auch reichlich Gelegenheit, sich Gedanken über ihr Innenleben zu machen. Und so wird aus der mutigen Heldin, die die bösen, brandschatzenden und vergewaltigenden Engländer die Anfangsszene, in der Jeannes Schwester brutal getötet und vergewaltigt wird, lässt einen schon eingangs des Films gewaltig schlucken mit einem Rumpfheer fast in die Knie zwingt, eine verwundbare, selbstzweiflerische Frau, die manchmal eigentlich selbst nicht weiß, was sie tut. Und das ist dem naturwissenschaftlich veranlagten Zuschauer, der mit Wundern und Gotteserscheinungen nicht allzu viel anfangen kann, schon mal äußerst sympathisch, ermöglicht es ihm doch eine rationale Herangehensweise an das Geschehen und so auch einen Großteil intensiver emotionaler Anteilnahme. Dabei versteht es Besson meisterlich, die Geschichte samt authentischem historischen Hintergrund so fesselnd zu erzählen, dass man nachher denkt, selbst dabei gewesen zu sein. Selbstverständlich tragen dazu zum großen Teil die absolut realen Schlachtszenen bei, während denen man sich manchmal fast vor fliegenden Schwertern und Morgensternen ducken und die Siege von Jeannes Männern mit bejubeln möchte, aber was wären die blutigsten Actionszenen ohne die kleinen Geschichten dahinter, ohne das Wissen um die Motivation der Kämpfer? Sonst wäre einfach irgendein x-beliebiger Splatterfilm dabei herausgekommen, der außer Ekel nichts in einem hervor zu rufen vermag. Also ist auch ein wenig Pathos in den reißerischen Kampfszenen zu entschuldigen, sorgt es doch nur für eine engere Bindung zur Story, die ansonsten durch eine überzeugende schauspielerische Leistung der Hauptdarstellerin getragen wird, die auch den kritischen Beobachter zufriedenstellt, der sonst eigentlich nicht so viel von schauspielernden Models hält. Die bringt es am Ende sogar fertig, einen an Jeannes Balanceakt zwischen überzeugtem Glauben und Wahnsinn im Dialog mit ihrem Gewissen, das in Person des finsteren, sich im Halbdunkel seiner Kapuze versteckenden Dustin Hoffman daher kommt, Teil haben zu lassen. Schade, dass man in der Schule nicht einen solch unterhaltsamen Geschichtsunterricht präsentiert bekam.
Wertung: 9 von 10 Punkten

(Miguel)