Last Days Of Disco

D: Chlo Sevigny, Kate Beckinsale, Christopher Eigeman, R: Whit Stillman, 113 Min.

Whit Stillman gibt eigentlich nur Beobachtungen wieder aber er ist wirklich ein guter Beobachter. So findet man sich in seinem neuen Film plötzlich in einer Clique von, wie sie einmal von einem Außenstehenden bezeichnet wird, Yuppie-Abschaum in Manhattan Anfang der 80er Jahre wieder. Alles dreht sich für diese Gruppe von Leuten um einen elitären Disco-Tanzclub, vor dem sich immer eine große Menschentraube bildet, denn es kommt eben nicht jeder rein. Aber hat man erstmal Einlass gefunden in diesen Tanztempel, ist man Teil der Gesellschaft, kann man mitmachen beim Spiel um Beliebtheitspunkte und, nicht zu vergessen, kann man die Disco-Musik auf sich wirken lassen. Stillman erzählt nicht nur die Geschichte einiger junger Menschen, er vermittelt vielmehr das Lebensgefühl der damaligen Zeit, als das abendliche Tanzvergnügen mit seinen Begleiterscheinungen das alles in den Hintergrund drängende Thema war und man sich den ganzen Tag über nur Gedanken darüber machte, wo man am Abend hingehen und wie man da reinkommen sollte. Genau in dieser Zeit treffen wir die Mittzwanzigerinnen Alice (Chlo Sevigny) und ihre Kollegin Charlotte (Kate Beckinsale), die voll auf der Disco-Welle reiten und sich im Club die Köpfe darüber zerbrechen, wie sie am besten an die von ihnen auserwählten Männer rankommen und vor allem, wen sie auserwählen sollen. Die etwas schüchterne Alice vertraut dabei ganz ihrer erfahrenen Kameradin aus Studentenzeiten, die sich dem Zuschauer aber bald als hinterhältiges Biest zu erkennen gibt, was darin gipfelt, dass sie öffentlich Alices kürzlich erworbene Geschlechtskrankheit an die große Glocke hängt. Und schon nimmt man Anteil am Leben der jungen Frauen, ist man irgendwie involviert in deren Erlebnisse, als wäre man ihr ständiger Begleiter. So ist man dabei, als beide zusammenziehen in eine Wohnung, die zwar erschwinglich ist, bei der die Zimmer aber nur durch Durchqueren der anderen erreichbar sind - immerhin gibt es eine zweite Wohnungstür! und als beide scharf auf den gleichen Typen sind, alles Tatsachen, die unweigerlich zum großen Krach führen müssen. Doch was sind das schon für Probleme verglichen mit denen, in denen ihr über alles geliebter Club steckt, dessen Besitzer ihn mehr und mehr zum Drogenumschlagplatz umfunktioniert und der immer weiter in den Mittelpunkt staatlicher Untersuchungen rückt, in die fast alle Protagonisten mehr oder weniger direkt verwickelt sind? Da fragt man sich aber, ob es unbedingt nötig ist, diesen Streifen, der sich so gut auskennt auf der Klaviatur der leisen Töne mal abgesehen von der Musik im Club, obwohl die auch noch vergleichsweise dezent rüberkommt mit diesem Kriminalplot aufzupeppen. Ist es nicht viel unterhaltsamer, die Karrieren und wechselnden Liebesbeziehungen unserer Yuppies mitzuverfolgen und nebenbei auch noch an geistig hochtrabenden Unterhaltungen über die zu offensive, Trauma verursachende Präsentation weiblicher Brüste oder die moralische Integrität der Charaktere in dem Zeichentrickilm "Susi und Strolch" teilhaben zu dürfen? Der Film hieße aber nicht "Last Days of Disco", wäre das alles nicht irgendwann genauso schnell vorbei wie es gekommen ist, doch keine Sorge, die New Wave-Ära ließ ja nicht lange auf sich warten.
Wertung: 8 von 10 Punkten

(Miguel)