Meschugge

D: Maria Schrader, Dani Levy, David Strathairn, Nicole Heesters, R: Dani Levy, 107 Min.

Eine Fabrik brennt. Angezündet wurde sie von faschistischen Hohlköpfen, weil ihr Inhaber Jude ist. Und schon geht die Nachricht vom häßlichen Deutschland um die Welt. Doch was zunächst aussieht wie ein gewöhnlicher Kriminalfilm mit gesellschaftskritischem Einschlag, entpuppt sich schon bald als viel mehr als das, denn der Brand war nur der Stein des Anstoßes, der die eigentliche Geschichte ins Rollen bringt. Die Schlagzeile dringt nämlich bis nach New York, wo eine jüdische Frau, die dort gerade mit ihrer Familie Vorbereitungen für ihre Geburtstagsfeier trifft, davon Kenntnis nimmt und in dem Fabrikbesitzer ihren Vater zu erkennen glaubt, von dem sie dachte, daß er in einem Konzentrationslager ums Leben gekommen wäre. Sofort unterrichtet sie ihren Sohn David (Dani Levy) davon, der daraufhin einen Anwalt (David Strathairn) einschaltet, um Nachforschungen anzustellen. So entwickeln sich zwei Handlungsstränge getrennt voneinander, scheinen doch die beiden Familien nichts miteinander zu tun zu haben. Dabei gibt Levy vor dem Hintergrund der jüdischen Familie einen tiefen Einblick in das Leben des amerikanischen Juden David, den er auch gleich selbst spielt, dem als arbeitsverliebtem Junggesellen in New York Geschäftstermine wichtiger sind als alles andere und schafft es gleichzeitig, die Atmosphäre der hochsommerlich heißen Großstadt überaus einfühlsam nachzuzeichnen. Zufällig lebt Lena (Maria Schrader), die Enkelin des Fabrikbesitzers auch in New York und bringt vom Informationsbesuch in Deutschland ihre Mutter mit, die dort sieh an - ihren Geburtstag feiern will. Noch am selben Tag stirbt Davids Mutter unter mysteriösen Umständen in einem Krankenhaus, in das Lena sie gebracht hat, nachdem sie sie verletzt im Hotel ihrer Mutter gefunden hatte, und wo sich Lenas und Davids Wege zum ersten Mal kreuzen. Beide fühlen sofort eine starke Zuneigung zueinander und es entwickelt sich eine leidenschaftliche Beziehung zwischen den beiden, die allerdings durch die Umstände ihres Zusammentreffens beträchtlich gestört wird. So werden die beiden Handlungsstränge mehr und mehr miteinander verflochten, und was zuerst zufällig erschien, wird durch gezieltes Aufzeigen von Parallelen in der Entwicklung ihrer beiden Familien immer mehr in einen kausalen Zusammenhang gebracht. Das könnte einem ja eigentlich völlig egal sein, wäre man nicht emotional so in die Story eingebunden worden, daß einem das Schicksal der beiden unbedarften Liebenden doch sehr am Herzen liegt. Dadurch schafft es Levy, aus einer Kriminalgeschichte eine Liebesgeschichte zu machen und diese durch Informationen, die durch die Ermittlungen des Anwalts Kaminski nach und nach ans Licht kommen, zu einem an Spannung kaum zu überbietenden Thriller werden zu lassen, denn Lena und David werden bei der Suche nach der Wahrheit über den Tod seiner Mutter von der Vergangenheit und ihrer Familiengeschichte eingeholt. Man taucht, nach Erklärungen suchend, dabei selbst tief in die Geschichte ein, läßt sich mit den rasanten Ent- und Verwicklungen des genialen Drehbuchs mitreißen und fühlt sich Dank überzeugender schauspielerischer Leistungen fast wie die Figuren selbst zwischen Neugier und Angst vor Enttäuschung hin- und hergerissen. Der Streifen funktioniert allein durch seine großartig angelegten Charaktere und gefühlvoll übertragene Stimmungen, die große Actionszenen absolut überflüssig machen. Es ist diese Art von Filmen, die das Image des deutschen Kinos, das nach einer nichtendenwollenden Flut von Beziehungskomödien mit Katja Riemann in der Hauptrolle reichlich ramponiert war, wieder ein wenig aufmöbelt. Da macht es auch nichts aus, daß mit "Meschugge" ein Titel gewählt wurde, der eher auf Komödie schließen läßt, aber wie wir alle wissen ist nicht so wichtig was draufsteht, sondern was drin ist, und das ist ganz großes Kino.
Wertung: 10 von 10 Punkten

(Miguel)