Ort der Wahrheit

D: Kiefer Sutherland, Vincent Gallo, R: Kiefer Sutherland, 101 Min.

Irgendwie ist es doch immer das Gleiche: einmal Verbrecher immer Verbrecher. So auch hier, denn kaum ist Raymond aus dem Gefängnis entlassen worden, muß er auch schon ein neues Ding drehen. Und natürlich soll es der letzte große Coup sein, bevor er sich nach Mexiko absetzen und dort mit seiner Freundin Addy ein neues Leben beginnen kann. Aber dafür hat er nicht gerade das optimale Team rekrutiert: außer ihm und seiner Freundin sind nämlich noch sein bester Kumpel, der kaltblütige, schnell ausrastende Curtis und zu allem Überfluß auch noch der Undercover-Cop Marcus dabei. Und so kommt es wie es kommen muß, denn aus einem Diebstahl von Drogen wird im Handumdrehen bewaffneter Raubüberfall und mehrfacher Mord. Auf der Flucht nehmen die vier auch noch ein Pärchen samt Wohnmobil als Geiseln mit, und die gesamte Situation wird immer auswegloser, wobei Regiedebütant Kiefer Sutherland einen spüren läßt, auf welch schmalem Grat alle Beteiligten wandeln. Ständig hängt der Geruch der drohenden Eskalation in der Luft, da er selbst den unberechenbaren Curtis als menschliche tickende Zeitbombe verkörpert, auf den alle anderen beruhigend einzuwirken versuchen. Und er versteht es exzellent mit den Stimmungen zu spielen, indem er die Flucht zeitweilig Ausflugscharacter annehmen läßt und sogar Zeit für Ausgelassenheit und Witzeleien einräumt, doch gibt er einem immer das Gefühl, daß eine Kleinigkeit ausreicht, um aus dem Ganzen ein Blutbad zu machen. Vor dem Hintergrund dieser Gewißheit werden die Beziehungen der einzelnen Figuren zueinander aufgebaut, ob es nun die Liebe der schwangeren Addy zu Raymond ist oder Raymonds Mißtrauen Marcus gegenüber, man wartet auf das auslösende Moment, das zum großen Knall führt, auch als sich Geisel Gordon immer besser mit seinen Entführern arrangiert und bald - sehr zum Mißfallen seiner Freundin - sogar Bewunderung für Curtis empfindet. Dadurch kommt es zur Auseinandersetzung der beiden, was dazu führt, daß die klaren Fronten, Geiselnehmer auf der einen, Geiseln auf der anderen Seite, aufgebrochen werden, und man geradezu dazu aufgefordert wird, sich eingehender mit den Figuren zu beschäftigen. Dabei werden die einzelnen Charaktere sauber und einfühlsam herausgearbeitet, und man bekommt genügend Gelegenheit deren Handlungsweise nachvollziehen zu können. Da ist die verträumte, naive Addy, die nie aufhört zu glauben, daß alles gut wird, der Realist Raymond, der einsehen muß, daß sie sich in die Scheiße geritten haben, Curtis, dem sowieso alles egal ist, wenn es nur Spaß macht und der gerissene Marcus, der nur versucht, die Unschuldigen heil aus der Sache rauskommen zu lassen. Und so steuern sie nach dem Versuch, die Drogen an den zu verkaufen, dem sie sie eigentlich geklaut haben, außer von der Polizei auch noch von der Mafia gejagt, die in ihren Methoden gar nicht zimperlich ist, und nach einigen Anleihen bei einschlägigen Werken der Filmgeschichte von "Bonnie & Clyde" über "From Dusk till Dawn" bis zu "Der Marathon-Mann", was man dem Film aber nicht übelnimmt, dem finalen Showdown entgegen.
Wertung: 6 von 10 Punkten

(Miguel)