Still Crazy

D: Stephen Rea, Juliet Aubrey, Bill Nighy, Jimmy Nail, R: Brian Gibson, 100 Min.

Es ist so ein bißchen die moderne Variante der Blues Brothers, mit gewissen Unterschieden versteht sich. Doch auch hier versucht Tony (Stephen Rea) die einst so erfolgreiche britische Rockband "Strange Fruit" 21 Jahre nach ihrer Auflösung wieder zusammenzubringen, denn sein Leben als Kondomvertreiber auf Ibiza ist alles andere als das, was er sich immer erträumt hat. So stößt der Sohn des Veranstalters des legendären Wisbech Rockfestivals, auf dem es damals zum großen Zusammenbruch kam, keinesfalls auf taube Ohren, als er ihm ein Comeback von Strange Fruit auf dem diesjährigen Festival vorschlägt. Und so kommt der Stein ins Rollen, denn bei dem einzigen Auftritt will es Tony nicht belassen, doch 21 Jahre sind eine lange Zeit, in der sich viel verändert hat, zumal die Band keinesfalls in Freundschaft auseinanderging. Aber in der damaligen Bandassistentin Karen (Juliet Aubrey) gewinnt er schnell eine Mitstreiterin, die ihm hilft, auch die anderen von dem Projekt zu überzeugen, die alle in ihrem Herzen eigentlich Rockmusiker geblieben sind und nun mehr oder weniger unbefriedigenden Tätigkeiten nachgehen. Also treiben sie innerhalb kürzester Zeit auch den ständig vor Finanzbeamten flüchtenden Drummer Beano (Timothy Spall), den im Dachdecker-Business leidlich erfolgeichen Basser Les (Jimmy Nail) und auch den allürenbehafteten Sänger Ray (Bill Nighy) auf. Als sie dann in dem jungen Luke (Hans Matheson) noch Ersatz für den am Drogenkonsum zugrundegegangenen Gitarristen und genialen Songschreiber Brian finden und auch ihr alter Roadie Hughie (Billy Connolly) wieder auftaucht, steht der Reunion nichts mehr im Wege. Außer den alten Geschichten natürlich, die jetzt alle wieder ausgegraben werden, und für manche Unstimmigkeit sorgen. Das alles wird einem aus der Perspektive Hughies so einfühlsam und natürlich erzählt, daß man glaubt, damals selbst dabeigewesen zu sein, und auch das Comeback als enger Vertrauter der Band miterlebt. Dabei legt Brian Gibson jede einzelne seiner Figuren so plastisch an, daß man einfach meint dazuzugehören, alles mit den Bandmitgliedern zu teilen, seien es nun die Enttäuschungen und Streitereien nach den ersten miserablen Auftritten in den finstersten Löchern oder die Glücksgefühle beim ersten erfolgreichen Gig. Und so vermittelt er direkt das Gefühl, was es heißt, mit einer Band auf Tour zu sein, fängt die Stimmung im Tourbus und im alltäglichen Zusammenleben der verschiedenen Charaktere mit ihren individuellen Problemen, die aber durch das Zusammengehörigkeitsgefühl der Tourfamilie aufgefangen werden, so meisterhaft ein, daß man sofort alles stehen- und liegenlassen und sich irgendeiner Band anschließen möchte. Ganz nebenbei erhält man auch noch einen Einblick in das Rock- und Popgeschäft und sieht, daß der Weg zu kommerziellem Erfolg im Musikbusiness lang und steinig ist, wenn man nicht gerade von einem Major Label für eine Boygroup gecastet wurde, sondern seinen eigenen Stil verwirklichen will, was im Falle unserer in die Jahre gekommenen 70's-Rocker umso schwieriger ist, kann man doch die Uhr nicht einfach zurückdrehen. Daß ein Großteil der Schauspieler schon als Musiker Erfahrungen gesammelt und die übrigens großenteils von Foreigner-Frontmann Mick Jones geschriebenen - Songs selbst eingesungen hat, kommt der Glaubwürdigkeit zugute und macht den Soundtrack durchaus hörbar, was den Eindruck noch verstärkt, den dieser großartige Film hinterläßt.
Wertung: 9 von 10 Punkten

(Miguel)