Zivilprozeß

D: John Travolta, Robert Duvall, Kathleen Quinlan, John Lithgow, R: Steven Zaillian, 115 min.

Die Tradition des Justizdramas ist fest in der amerikanischen Filmgeschichte verankert, man denke nur an Werke wie "Die zwölf Geschworenen" oder "Zeugin der Anklage". Und auch an Produktionen neueren Datums durften sich die Zuschauer erfreuen. Sei es nun die juristische Aufarbeitung des Kennedy-Mordes in Oliver Stones "JFK" oder der Prozeß gegen hohe Militärs in "Eine Frage der Ehre", die Gerichtsfilme ziehen sich wie ein roter Faden durch die Geschichte, was beim Stolz der Amerikaner auf ihr Rechtssystem auch nicht weiter verwundert. Jedoch handelt es sich dabei durch die Bank um Strafprozesse, die in den Filmen geschildert wurden, so daß es im Land der Zivilprozesse, in dem letzlich sogar Tabakkonzerne zu Schadensersatzzahlungen an Raucher verurteilt wurden, eigentlich Zeit wird, daß endlich einmal ein Zivilprozeß thematisiert wird. Dies geschieht jetzt mit diesem Streifen, der die Geschichte des Rechtsanwalts Jan Schlichtmann, gespielt von John Travolta, erzählt, die sich tatsächlich so ereignet hat. Schlichtmann, übrigens höchstselbst als Berater an der Produktion beteiligt, ist spezialisiert auf Schmerzensgeldprozesse und wählt seine Fälle zusammen mit seinen Partnern allein nach der Lukrativität aus, da sein Honorar zumeist aus einem prozentualen Anteil der erstrittenen Zahlung besteht. Doch eines Tages erreicht ihn das Schreiben von Anne Anderson (Kathleen Quinlan), einer Bewohnerin des Städtchens Woburn in Massachusetts, die um seine Hilfe bittet, weil sie glaubt, daß eine Anhäufung von Leukämiefällen in letzter Zeit dort durch die Umweltverschmutzung zweier Fabriken verursacht wird. Schlichtmann, der diesen Fall für wenig einträglich hält, fährt persönlich nach Woburn, um sich ein Bild von der Situation zu machen und Anne seine eigentlich schon getroffene Entscheidung, den Fall abzulehnen, mitzuteilen. Daß er dort von einem Eiwohner-Komitee empfangen wird, das einhellig Annes Meinung ist und ihn mit Fotos ihrer kürzlich verstorbenen Kinder konfrontiert, konnte er genausowenig ahnen wie, daß seine rein geschäftliche Betrachtungsweise des Falles plötzlich vom Streben nach Gerechtigkeit verdrängt wird. So beginnt ein langwieriger Prozeß gegen die beiden Industriebetriebe, bei dem Travolta als smarter Anwalt sein ganzes schauspielerisches Potential zeigen kann, das allerdings erst durch das Zusammenspiel mit Robert Duvall, der Jerome Facher, den Verteidiger eines der Betriebe verkörpert und damit zu seinem ärgsten Widersacher wird, richtig zur Geltung kommt. Gerade die Gegensätze dieser beiden Charaktere auf der einen Seite der junge, aufstrebende Schlichtmann und auf der anderen der erfahrene, abgezockte Facher und deren zähes Ringen um kleinste Vorteile machen den Reiz des Films aus, da der eigentliche Gegenstand des Prozesses und die krampfhafte Suche nach Beweisen für die Verstrickung der Betriebe kaum Spannung erzeugen können. So bezieht der Streifen seine Dramatik hauptsächlich aus der Wandlung des jungen Schlichtmann vom knallhart kalkulierenden Geschäftsmann zum Anwalt der Schwächeren, der den Kampf gegen den Riesen aufnimmt. Dabei wird man Zeuge dessen, wie er sich fast bis zur Selbstaufgabe in den Fall hineinsteigert und sich selbst finanziell in den Ruin treibt. Auf daß diesmal die Gerechtigkeit und nicht wie so oft das Geld siegen möge.
Wertung: 6 von 10 Punkten

(Miguel)