MANCHESTER BY THE SEA
Darsteller:  Casey Affleck, Lucas Hedges, Michelle Williams, Kyle Chandler
Regie:  Kenneth Lonergan
Dauer:  137 Minuten
FSK:  freigegeben ab 12 Jahren
Website:  www.manchester-by-the-sea.de
 

Das Leben von Lee (Casey Affleck) als eigenbrötlerisch zu bezeichnen, ist wohl noch stark untertrieben. Er lebt völlig zurückgezogen in einer kleinen Bostoner Kellerbuchte, die er eigentlich nur verlässt, um mit seiner Hausmeistertätigkeit verbundene Handwerkerdienste zu verrichten. Dass er immer wieder mit seinem Chef aneinander gerät, ist dabei weniger seiner mangelnden Zuverlässigkeit als vielmehr seiner Sturheit geschuldet - soziale Kontakte und Kompetenz: Fehlanzeige! Die regelmäßigen Kneipenschlägereien beim Feierabendbier - bei einem bleibt es allerdings in der Regel nicht - dienen dann gerne dem Frustabbau.

Schon mit seiner Exposition setzt Regisseur Independent-Ikone Kenneth Lonergan ("You Can Count On Me", "Margaret") Maßstäbe, macht mit konzentrierter, betont ruhiger Inszenierung neugierig auf mehr, auf Hintergründe von Lees verschlossenem Wesen. Und die sollen nicht einfach so aufgedeckt werden, sondern fließen äußerst behutsam und streng dosiert ein in die Handlung, für deren Entwicklung er sich genauso viel Zeit nimmt wie für seine Charakterisierung. Das ist anfangs etwas befremdlich, weiß man doch bei überschaubarem Plot nicht so genau, wo die Reise hingehen soll. Aber obwohl nicht allzu viel passiert, stockt die Handlung keineswegs, merkt man doch sehr schnell, dass hier jemand etwas zu erzählen hat.

Lee wird durch den Tod seines Bruders jäh aus seinem Alltagstrott gerissen, reist in sein Heimatdorf Manchester-by-the-Sea und wird dort von seiner Vergangenheit eingeholt, die er doch so gerne hinter sich gelassen hätte. Also Formalitäten erledigen und so schnell wie möglich wieder zurück ins geordnete Bostoner Kellerleben. Doch da hat er die Rechnung ohne seinen alleinerziehenden Bruder gemacht, der ihm im Wissen seiner schweren Krankheit im Todesfall das Sorgerecht für den 16-jährigen Sohn übertragen hat. So werden erstmal alle seine Planungen über den Haufen geworfen, und er ist zumindest so lange an Manchester gebunden, bis endgültige Regelungen getroffen sind.

Das alles ist wirklich unspektakulär, aber Casey Affleck macht es ganz einfach zu einem Ereignis, spielt Lee so unaufgeregt, dass man jede noch so kleine Reaktion des schwierigen Charakters nachvollziehen kann. Gleichzeitig aber auch so geheimnisvoll, dass man unbedingt mehr erfahren muss über diesen eigenwilligen Menschen und seine Misanthropie. Im melancholischen Grau des neuenglischen Winters gibt ihm Lonergan allen Raum, den er braucht, um uns mitzunehmen auf die Reise in Lees Vergangenheit. Und die dabei besonders auch durch Jody Lee Lipes entschleunigte Kameraarbeit erzeugte Stimmung könnte nicht besser zur Dramaturgie passen.

Besetzt bis in die kleinen Nebenrollen mit wunderbaren Schauspielern werden wir konfrontiert mit dem Geflecht aus Beziehungen und neuer Verantwortung für Lees halbwüchsigen Neffen (Lucas Hedges), der eigentlich schon genug mit Selbstfindung und damit zu tun hat, ein eigenes Liebesleben zu entwickeln. Mehr und mehr werden wir so von Rückblicken in Lees Vergangenheit unterstützt aufgeklärt über die Gründe seines Handelns. Ob Auseinandersetzungen mit seinem neuen Zögling oder Gedanken über seine Zukunft, alles besitzt so eine vielschichtige Tiefe, dass man immer unmittelbar involviert ist. Und selten schossen einem bei einer Rückblende so die Tränen in die Augen wie bei der endgültigen Aufklärung seines persönlichen Traumas.



Wertung: 10 von 10 Punkten

(Mick)