MEDITERRANEA
Darsteller:  Koudous Seihon, Alassane Sy, Davide Schipilliti, Annalisa Pagano
Regie:  Jonas Carpignano
Dauer:  107 Minuten
FSK:  freigegeben ab 12 Jahren
Website:  www.dcmworld.com/portfolio/mediterranea
 

Na, wenn das Thema nicht den Nerv der Zeit trifft, dann weiß ich auch nicht. Dass die Produktion aber schon letztes Jahr anlief und Regisseur Jonas Carpignano die Idee zu seinem Flüchtlingsdrama schon vor Jahren kam, zeigt nur allzu deutlich, dass die Problematik ganz und gar kein neues Phänomen ist, sondern in ihrer Kulmination zu großen Teilen der gehäuften Berichterstattung geschuldet ist. Sicher, die Anzahl der Asylsuchenden schnellte seit dem Sommer noch einmal gewaltig in die Höhe, was die Diskussion über deren Behandlung rechtfertigt, doch letztendlich sollte es für alle einzig und allein um eine humanitäre Lösung gehen.

In diese Kerbe haut auch der italienischstämmige Carpignano mit seinem ersten Langfilm, der seinen Ursprung in den Unruhen von Rosarno 2010 hat, deren Zeuge er beinahe selbst geworden ist. Damals erhoben sich afrikanische Einwanderer in dem kalabrischen Dorf gegen ihre Drangsalierung durch die Bevölkerung, nachdem zwei von ihnen von Anhängern der Mafia durch Schüsse schwer verletzt worden waren. Einsetzen tut der Streifen allerdings schon in Burkina Faso, der Heimat der beiden Protagonisten Ayiva (Koudous Seihon) und Abas (Alassane Sy), und nimmt uns erstmal mit auf die beschwerliche Reise durch Wüste, Meer und die Unbillen des Wetters. Im pseudodokumentarischen Stil wird dabei die absolute Perspektivlosigkeit deutlich, die den beiden als Antrieb ausreicht, um sich den Gefahren und der Willkür der Schleuserbanden auszusetzen. Wie schon Michael Winterbottom, dessen „In this World“ (2002) fast noch eine Spur beeindruckender war, gibt einem Carpignano eine lebhafte Vorstellung davon, was die Flüchtlinge schon alles hinter sich haben, wenn sie erstmal das gelobte Land Europa erreichen.

Da jedoch fließen, wie wir ja wissen, nicht Milch und Honig und so müssen sich die beiden zu den übelsten Konditionen auf den Zitrusplantagen Kalabriens verdingen und sogar widerstrebend kleine Diebstähle begehen, um wenigstens irgendwie ihr Auskommen unter fast menschenunwürdigen Bedingungen zu sichern. Besonders eindrücklich dabei, wie genügsam sie – bleibt ihnen als illegale Einwanderer eine andere Wahl? - doch diese Situation ertragen, ja in ihrer Community tatsächlich kleine Partys feiern. Aber schließlich bleibt ja wirklich immer ein kleiner Betrag übrig, um die erwartungsvolle Verwandtschaft zuhause zufriedenzustellen.

Und da hat der Film einen seiner ganz starken Momente, als Ayiva sich, via Skype mit der Heimat verbunden, in Anbetracht der verfahrenen Situation kaum seiner Tränen erwehren kann, sich aber vor Frau und Kind nichts anmerken lässt. Genauso emotional aufwühlend wie diese Szene, macht auch der gesamte Streifen vertraut mit dem Schicksal der Immigranten, in diesem Fall ja sogar „Wirtschaftsflüchtlingen“, und beleuchtet nachdrücklich die vielen Seiten des Problems ohne allzu sehr Partei zu ergreifen. Ein kraftvolles Plädoyer für Menschlichkeit, das wegen immer weiter wachsender Spannungen jedoch unaufhaltsam auf den bekannten GAU zusteuert.



Wertung: 8 von 10 Punkten

(Mick)