MOONLIGHT
Darsteller:  Mahershala Ali, Ashton Sanders, Naomi Harris, Janelle Monáe
Regie:  Barry Jenkins
Dauer:  111 Minuten
FSK:  freigegeben ab 12 Jahren
Website:  dcmworld.com/portfolio/moonlight
 

Gerade erst spektakulär und geradezu skandalös von der Oscar-Academy mit dem Preis für den besten Film des Jahres bedacht, kommt "Moonlight" jetzt auch in die hiesigen Kinos. Nach den letztjährigen Diskussionen um die weißesten Oscars seit langem mag das angesichts der bärenstarken Konkurrenz zumindest teilweise als politische Entscheidung verstanden werden, aber der Streifen enttäuscht selbst mit diesem ganzen Vorschusslorbeer keineswegs, soviel sei vorab schon mal verraten.

Barry Jenkins nimmt sich hier eines bisher unveröffentlichten Theaterstücks an und adaptiert es auch gleich selbst an die große Leinwand, die es genau genommen gar nicht braucht, um seine ganze Wirkung zu entfalten. Vielmehr geht es um feines Zusammenspiel, Darstellung charakterlicher Entwicklung und allen voran natürlich deren Auswirkungen auf die Biografie jedes Einzelnen. Damit ist speziell die des Protagonisten Chiron gemeint, den wir in drei Phasen seines bewegten Lebens kennenlernen, von denen jede perfekt seine Entwicklung seit dem vorigen Abschnitt widerspiegelt.

Wir treffen ihn als Erstes als unterprivilegierten, von den restlichen Ghettokids gemobbten "Little" (Alex Hibbert), dessen Lebensprognose im Armenviertel Miamis schlechter nicht ausfallen könnte. Schlechte Ausbildung, Junkie-Mutter (Naomi Harris) und noch dazu etwas zarter gestrickt, macht ihn nicht gerade zum Alpha-Männchen auf der Straße. Zu seinem Glück aber wird Drogendealer und Kiezgröße Juan (Mahershala Ali mit tatsächlich oscarwürdiger Performance) auf ihn aufmerksam und nimmt ihn unter seine Fittiche. Der taugt mit seiner Vita zwar auch nicht gerade als Vorbild, hat aber wenigstens das Herz am rechten Fleck und gibt dem Kleinen als Vaterersatz als einziges ein wenig Halt.

Dass der eminent wichtig in der Entwicklung zum eigenständig denkenden Menschen bei aller negativen Beeinflussung ist, wird deutlich bei der nächsten Begegnung mit dem inzwischen jugendlichen Chiron (Ashton Sanders). Von Juan und seiner Freundin (Janelle Monáe) zur Selbstständigkeit erzogen, hat der sich längst von seiner drogensüchtigen Mutter, die von Naomi Harris mit entfesselter Wucht gespielt wird, emanzipiert und ist so schon mal dem schlimmsten Schicksal entronnen. Dass er aber im von Männlichkeitsbildern beherrschten Ghetto Miamis langsam seine Homosexualität entdeckt, reißt ihn nicht nur ins emotionale Chaos sondern macht ihn einmal mehr zur Projektionsfläche allen aufgestauten Hasses.

Mit "Moonlight" bietet Jenkins keine Lösungen an, arbeitet vielmehr mit seinen wunderbaren Darstellern gesellschaftliche Abgründe heraus und macht damit leise auf gewaltige Missstände aufmerksam. Anhand seiner exemplarischen Charakterstudie Chirons, die mit ihrer Gefühlstiefe absolut fesselt, kann man so gut nachvollziehen, wie schwierig es ist, dem Teufelskreis gesellschaftlicher Vorbestimmung zu entkommen.



Wertung: 8 von 10 Punkten

(Mick)