MORD IM ORIENT EXPRESS
Darsteller:  Kenneth Branagh, Penélope Cruz, Willem Dafoe, Judi Dench, Johnny Depp
Regie:  Kenneth Branagh
Dauer:  114 Minuten
FSK:  freigegeben ab 12 Jahren
Website:  www.fox.de/mord-im-orient-express
Facebook:  facebook.com/20thCenturyFoxGermany
 

Als Agatha Christie in Großbritannien am Neujahrstag 1934 ihren 14. Roman "Murder on the Orient Express" veröffentlichte, da dachte sie sicher nicht einmal im Traum daran, dass der Stoff so gut sein könnte, dass er mehr als 80 Jahre später noch verfilmt werden würde - vor allem, wenn dies bereits die zweite Inszenierung für die große Leinwand darstellt. Bis zur ersten Verfilmung von Sidney Lumet dauerte es beachtliche 40 Jahre - diese hatte es dann aber mit einer Star-Besetzung in sich. Albert Finney spielte Hercule Poirot, Ingrid Bergman die schwedischen Missionarin Greta Ohlsson, Lauren Bacall die Mrs. Hubbard, Jacqueline Bisset die Gräfin Andrenyi, Sean Connery den Colonel Arbuthnot und Richard Widmark den Mr. Ratchett - um nur einige zu nennen.

Für den Film gab es sechs Oscar-Nominierungen, und Ingrid Bergman gewann die begehrte Trophäe auch. Für die deutsche Buchausgabe gab es auch etwas, und zwar einen neuen Titel - denn erst mit dieser Verfilmung wurde er von einst "Die Frau im Kimono" und später "Der rote Kimono" in "Mord im Orient-Expreß" geändert. Nach einer amerikanischen Fernseh-Verfilmung im Jahr 2001 mit Alfred Molina als Poirot und einer britischen aus 2009 mit David Suchet in der Hauptrolle wird der "Mord im Orient Express" nun erneut mit einem All-Star-Cast im Kino gelöst.

"Langweilig, man kennt ja das Ende schon", rufen einige. Nun ja, wenn es danach geht, dann dürfte man nie einen Film sehen, nachdem man das Buch dazu bereits gelesen hat, und "Titanic" hätte dann sowieso niemand schauen dürfen. Das Interessante aber steckt ja bekanntlich im Detail, und so konnte man gespannt sein, wie Kenneth Branagh den alten Stoff neu inszenieren würde - und dass er sich in diesem Metier versteht, bewies er ja nicht zuletzt mit seinen Shakespeare-Verfilmungen "Henry V." (1989), "Viel Lärm um nichts" (1993) und "Hamlet" (1996).

Einen Gedanken darauf zu verschwenden, warum der "Orient Express" seinen Bindestrich im deutschen Titel verloren hat, lohnt nicht wirklich - da gibt es soch viel feinere Dinge zu beobachten. Doch vorab für diejenigen, die den Stoff noch nicht kennen und damit priviligiert sind, so richtig mitzurätseln, ein kurzer Einblick in die Handlung:

Nachdem der belgische Vorzeige-Detektiv Hercule Poirot (Kenneth Branagh) im Jahr 1934 an der Klagemauer in Jerusalem einen Fall gelöst hat, freut er sich auf den Urlaub. Da er sich auf dem Weg nach England befindet, möchte er eine Fahrt im Orient Express von Istanbul nach London zur Entspannung nutzen. Nur mit viel Mühe und Beziehungen bekommt er noch einen Schlafwagen im ausgebuchten Zug - erholsam soll es aber nicht werden. Das Angebot des betrügerischen Geschäftsmanns Ratchett (Johnny Depp), ihn gegen gute Bezahlung zu bewachen, schlägt er zwar aus, als Ratchett aber am nächsten Morgen tot aufgefunden wird, ist klar, dass einer der anderen 13 Zuginsassen im Abteil der Mörder sein muss. Da der Zug durch eine Lawine in Jugoslawien auf einer Brücke stecken geblieben ist, bleibt Poirot genug Zeit, sich dem Fall zu widmen. In seiner typischen, analytischen Art und Weise beginnt er damit, die Verdächtigten zu befragen, und nach und nach ergeben sich mögliche Motive und unerahnte Beziehungslinien.

Oft wäre man gerne noch einmal jung - hier besonders, denn Kenneth Branagh hat die Geschichte packend inszeniert, und wenn man die Auflösung noch nicht kennt, oder evtl. alt genug ist, um sie wieder vergessen zu haben, dann wird Hochspannung geboten. Ist beides nicht der Fall, so hat man trotzdem seine Freude, und das nicht nur am erneut gewonnenen Star-Ensemble - aber auch hieran. Branagh selbst spielt einen starken Poirot, Johnny Depp ist als geschäftiger Gauner gut besetzt, Judi Dench verkörpert Prinzessin Dragomiroff hervorragend, Penélope Cruz besticht als spanische Missionarin Pilar Estravados, Michelle Pfeiffer ist als wenig trauernde Witwe Mrs. Hubbard mehr als glaubwürdig, und Willem Dafoe glänzt als österreichischer Professor Gerhard Hardman.

Branagh weicht in einzelnen Details vom alten Film ab. Hierunter sind Kleinigkeiten, z.B. heißt der Poirot das Abteil verschaffende Direktor der Eisenbahngesellschaft, gespielt von Tom Bateman, wie im Buch Bouc, die Missionarin ist von der Schwedin zur Spanierin geworden, und statt einem Schneepflug machen sich - der damaligen Zeit völlig entsprechend - Arbeiter mit Schaufeln auf zur durch die Lawine verschüttenen Gleisstelle. Bedeutendere Abweichungen sind dann neben Poirots noch mächtigerem Schnurrbart, der die den im 1974er-Film normalen Schnäuzer kritisierende Christie sicher zufrieden gestellt hätte, der noch selbstverliebter und kauziger im Mittelpunkt stehende Detektiv sowie die Tatsache, dass hier auch etwas Handlung außerhalb des Zugs geboten wird - in einer nicht zwingend benötigten Actionszene und aber der abschließenden Auflösung im Tunneleingang, wobei Branagh schnell noch augenzwinkernd eine Optik wie in Leonardo da Vincis Wandgemälde "Das Abendmahl" bietet.

Dass der Film gefällt, liegt aber weniger an diesen Details als eben an der generellen, gut gestrickten Handlung, an den Darstellern und an der tollen, prunkvollen Ausstattung des Zugs, an hervorragenden Kostümen und imposanten Bildern. So ist das Ganze dann doch sehr stimmig und rechtfertigt in der Summe die Neuinszenierung.



Wertung: 8 von 10 Punkten

(Tobi)