SCHELLEN-URSLI
Darsteller:  Jonas Hartmann, Laurin Michael, Julia Jeker, Leonardo Nigro
Regie:  Xavier Koller
Dauer:  100 Minuten
FSK:  freigegeben ohne Altersbeschränkung
Website:  www.schellenursli.com
 

Erinnert sich noch irgendeiner an das kleine aber feine Migrationsdrama „Reise der Hoffnung“ (1990), das damals sogar mit dem Oscar für den besten fremdsprachigen Film ausgezeichnet wurde? Es erzählte die tragisch endende Auswanderungsgeschichte einer türkischen Familie in die Schweiz – die Thematik hat augenscheinlich keinen Deut an Aktualität eingebüßt – und rührte dabei so manchen zu Tränen. Ein Vierteljahrhundert und diverse Projekte später lässt jetzt Regisseur Xavier Koller mal wieder aufhorchen. Mit seiner Neuverfilmung des bekannten Schweizer Kinderbuchs „Schellen-Ursli“ von Selina Chönz aus dem Jahr 1945 zeigt er sich seinem eidgenössischen Heimatland abermals treu verbunden, und so verkehrt ist das ja auf keinen Fall. Denn was einem hier als Kulisse allein an Alpenpanorama geboten wird, ist schon echt malerisch und macht fast ein wenig neidisch auf die Leute, die bei den Dreharbeiten dabei sein durften.

Wir befinden uns auf einer idyllischen, sommerlichen Alm hoch in den Schweizer Alpen, wo Uorsin (Jonas Hartmann) mit seiner Familie wie jedes Jahr alle Hände voll zu tun hat, um sich das Auskommen für den kommenden Winter zu erwirtschaften. So hart das wegen des Erfolgsdrucks auch immer wieder sein mag, so unbeschwert ist diese Kindheit da oben noch, vernab von jedweder gesellschaftlichen Beschleunigung. Das kommt einem Werbefilm des Schweizer Tourismusverbands schon gewalitig nahe, so schön ist das eingefangen und macht direkt Lust auf den nächsten Urlaub in den Bergen. Doch dass der Streifen noch bedeutend mehr bezweckt, als einen mitzunehmen in die Welt einer Bergbauernfamilie um 1900, lässt sich schon nach kurzer Zeit erahnen, als aus dem Wohlfühlfilm von einem Moment auf den anderen ein Sozialdrama wird. Da nämlich geht durch einen blöden Unfall beim Transport ins Tal der gesamte, eigentlich zum Verkauf gedachte Käsevorrat buchstäblich den Bach runter und bringt die ganze Familie urplötzlich an den Rand ihrer Existenz. Dahin ist die Arbeit eines ganzen Sommers und kaum vorstellbar, wie der nahende, lange Winter überstanden werden soll.

Noch dazu wird dieses Missgeschick vom verschlagenen Kleinkrämer des Dorfes (Leonardo Nigro) beobachtet, der es nicht allein durch redliche Arbeit zum sprichwörtlichen Bonzen der Gemeinde gebracht hat. Der schnappt sich dann auch kurzerhand seinen Sohn Roman (Laurin Michael) und sammelt den im Bach treibenden Käse ein nur um ihn klammheimlich zum Weiterverkauf einzulagern. Anschließend macht er sich auch noch sein Wissen um die wirtschaftliche Abhängigkeit der Dorfbewohner zunutze, um sich und Roman im Dorf alle erdenklichen Vorteile zu verschaffen. Und schon sind zusätzlich wesentliche Komponenten einer handfesten Kriminalgeschichte eingeflochten und machen den anfangs etwas unterschätzten traditionellen Bergfilm nicht zuletzt wegen des hervorragenden Schauspieler-Ensembles zu einem spannenden Lehrstück über soziale Strukturen, Ethik und menschliche Schicksale.

Das betrachtet man aus der Perspektive des unmittelbar betroffenen, jungen Uorsin regelrecht empört und steuert mit ihm gemeinsam dem unvermeidbaren Showdown, dem von allen heiß erwarteten Frühjahrsfest „Chalandamarz“, entgegen. So eingebunden erlebt man eine überaus unterhaltsam inszenierte Geschichte, die einem nicht nur Jahrhunderte alte Schweizer Tradition näherbringt sondern obendrein eine Botschaft mit auf den Weg gibt: Geld macht nicht glücklich!



Wertung: 7 von 10 Punkten

(Mick)