STILL ALICE - MEIN LEBEN OHNE GESTERN
Darsteller:  Julianne Moore, Alec Baldwin, Kristen Stewart, Kate Bosworth
Regie:  Richard Glatzer, Wash Westmoreland
Dauer:  101 Minuten
FSK:  freigegeben ohne Altersbeschränkung
Website:  www.stillalice.de
 

Da steht sie vor dem Auditorium, die eloquente Linguistin Alice (Julianne Moore), der die gleichermaßen erkenntnisreichen wie unterhaltsamen Vorlesungen doch so spielerisch leicht von der Hand gehen, und plötzlich ist dieses eine bestimmte Wort weg – einfach nicht mehr auffindbar. Erstmal betretene Stille, eine gefühlte Ewigkeit lang, dann endlich die umständliche Umschreibung des Begriffs. Eine unbehagliche Situation, die jedoch durch einen beiläufigen, belustigten Kommentar kurzerhand weggelacht wird. Eigentlich eine alltägliche Nichtigkeit, die wohl jedem von uns hin und wieder passiert, aber für Alice Howland soll es nur der Anfang eines tragischen Verlaufs sein.

Überhaupt scheint die Verköperung von Menschen, die mit lebensverändernden Krankheiten geschlagen sind, bei der Oscar-Academy überaus hoch im Kurs zu stehen, wie die kürzlich über die Bühne gegangene diesjährige Verleihung zeigt. So gingen die Preise für die besten Hauptdarsteller nicht nur an den den an ALS erkrankten Physiker Stephen Hawking spielenden Eddie Redmayne sondern eben auch an Julianne Moore, deren Alice hier von Alzheimer aus dem Alltag gerissen wird.

Ganz anders aber als vor einigen Jahren die wunderbare Judy Dench als Schriftstellerin Iris Murdoch („Iris“, 2001), die die Krankheit zwar nicht weniger heftig aber erst weit jenseits der 70 ereilte, steht die Linguistik-Professorin (ausgerechnet!) Alice Howland mit gerade einmal 50 mitten im erfüllten Leben, als sie die ersten Symptome bei sich feststellt. Außer erwähnten Wortfindungsstörungen sind das anfangs tatsächlich nur Kleinigkeiten, die aber an Intensität fast von Woche zu Woche zunehmen. Und das lässt uns Julianne Moore nahezu 1:1 miterleben, so einfühlsam und gleichzeitig zurückhaltend transportiert sie den schleichenden Verfall.

Wie würden wir uns verhalten? Ist Verdrängung nicht die natürlichste erste Reaktion? Dazu aber sind sie und ihr Mann, ebenfalls Uni-Professor, bei weitem zu aufgeklärt, als dass sie nicht irgendwann Hilfe in Anspruch nehmen würden. Wann aber ist diese Grenze erreicht? Beim wiederholten Verpassen wichtiger Termine? Spätestens aber nachdem sich Alice beim Joggen in ihrer unmittelbaren Nachbarschaft nicht mehr zurechtgefunden hat, holen sie die niederschmetternde Diagnose ein: vererbter Alzheimer.

Damit sind ihre drei Kinder nicht nur durch den immer schwieriger werdenden Umgang mit ihr, sondern per Genetik sogar direkt betroffen, was den Film intelligent um eine Dimension erweitert. So sehr sich deren Charaktere unterscheiden, so unterschiedlich fallen dann auch ihre Reaktionen auf die bestürzende Nachricht aus. Während sich die ältere Tochter (Kate Bosworth) in Selbstmitleid flüchtet, lässt sich Nesthäkchen und Lebefrau Lydia (Kristen Stewart, sie kann also doch nicht nur Teenie-Romanze) gar nicht erst testen und baut erst da eine intensivere Beziehung zu ihrer Mutter auf.

All das, besonders jedoch der rationale und würdevolle Umgang der gesamten Familie mit dem unausweichlichen Schicksal, das sich in immer größeren Ausfällen manifestiert, machen den Film zu einem hoch emotionalen Erlebnis, das gleichzeitig ein gutes Stück wichtiger Aufklärungsarbeit leistet.



Wertung: 9 von 10 Punkten

(Mick)