Sweet And Lowdown

D: Sean Penn, Samantha Morton, Uma Thurman, R: Woody Allen, 95 Min.

Woody Allens neuer Film umreißt das Leben des Jazzmusikers Emmet Ray, den es allerdings nicht wirklich gegeben hat. Die Figur dieses "zweitbesten Gitarristen aller Zeiten" baute Allen jedoch so auf, dass er durchaus existiert haben könnte, fließen doch Charakterzüge diverser Jazzmusiker in Emmets Wesen ein. Gleich zu Beginn des Film wird dem Zuschauer durch erklärende Worte Allens, warum der Streifen denn von Emmet Ray erzählt, suggeriert, es handle sich um einen damals in den 30er-Jahren real existenten Musiker, und kurze Be- oder Umschreibungen des Phänomens Emmet Ray von sich selbst verkörpernden Personen wie Jazzkritiker Nat Henthoff, Ben Duncan oder Douglas McGrath manifestieren diese Wirkung.

Emmet Ray (Sean Penn) ist ein begnadeter Jazzgitarrist und wäre vielleicht der beste der Welt, gäbe es da nicht Django Reinhardt (einen belgischen Ausnahmemusiker, den es übrigens wirklich gab). Ihn verehrt er nicht nur, Django bringt ihn mit seinen Klängen sogar stets zum Weinen. Der Legende nach ist Emmet ihm zweimal begegnet und stets in Ohnmacht gefallen. Mit Engagements in Nachtclubs verdient sich Emmet etwas Geld, den Rest als Teilzeit-Zuhälter. Sparsam ist er nicht, solide auch nicht. Schnelle Autos faszinieren ihn, immer schicke und modische Kleidung ebenso - und natürlich Frauen. Emmet lebt luxuriös an der Grenze zum Nichts, er verspielt sein Geld beim Poolbillard und betrinkt sich regelmäßig. Entspannung heißt für ihn, nachts auf dem Schrottplatz Ratten tot zu schießen oder fahrende Zügen zu beobachten. Seine Auftritte allerdings, wenn er sie denn nicht alkoholisiert platzen lässt, sind Offenbarungen. Emmet liebt die Musik und seine Gitarre über alles, spielt sich regelrecht in eine eigene Welt der wunderschönen Melodien und fasziniert mit seinen virtuosen Klängen jedes Publikum.

Eines Tages lernt Emmet, aufgrund eines versäumten Gigs entlassen und somit in einer neuen Stadt zum Engagement gelandet, Hattie (Samantha Morton) kennen. Anfangs ist der von sich selbst mehr als überzeugte Egozentriker sicher, mal wieder eine Niete gezogen zu haben, denn Hattie ist taub, schüchtern, nicht unbedingt schlau und nur eine einfache Wäscherin. Irgendetwas an ihr fasziniert ihn jedoch, und da er sowieso nur darauf aus war, eine Frau in sein Bett zu bekommen, hält er sich an Hattie und hat auch Erfolg. Natürlich macht Emmet ihr und sich klar, dass er keine Beziehung führen möchte und dies alles für ihn nur rein zum Spaß gewesen sei, irgendwie verliebt - oder gewöhnt - er sich dann doch an Hattie und lebt mit ihr zusammen. Er greift für sie in die Saiten, er schießt Ratten mit ihr, er sitzt mit ihr am Bahndamm, er geht mit ihr ins Bett - eigentlich könnte er glücklich sein, und doch muss er klar machen, dass er der große Emmet Ray ist und sich niemals an jemanden binden will, so lässt er dann natürlich weder Flirts mit anderen Frauen wie der oberschicken, edlen Blanche (Uma Thurman) aus, noch seine Alkoholexzesse. Für die treudoofe, ihn anhimmelnde Hattie eine schwere Zeit.

Musikalisch entwickelt sich Emmet ebenfalls weiter. Sein Spiel kann er kaum mehr verbessern, mit neuen Stücken aber begeistert er irgendwann nicht mehr nur das Publikum in den Nachtclubs, es erscheinen auch erste Aufnahmen von ihm und seiner Band auf Schallplatte, wogegen er sich zuerst lange Zeit gesträubt hatte. Finanziell allerdings geht es ihm auch jetzt nicht gut, da er alles Geld sofort wieder verprasst. So schleudert Emmet zwischen grandiosen künstlerischen Momenten und katastrophalen privaten, zwischen Zuneigung zu Hattie und egomaner Selbstbestätigung durch andere Frauen, zwischen Glück und Leid, zwischen Genie und Idiotie...

Woody Allen schafft es in "Sweet And Lowdown" hervorragend, Tragik und Komödie zu vereinen. Die exzentrische Figur des Emmet Ray wird wunderbar ausgearbeitet und Dialoge wie auch Monologe werden zu packenden Momenten, in verschiedenster Hinsicht. Alleine das Kennenlernen von Hattie und die Szene, als Emmet ihr nach vollzogenem Geschlechtsverkehr, mit Zigarette im Mundwinkel im Bett sitzend, "I'm Forever Blowing Bubbles" vorspielt, völlig ohne Begleitmusiker, faszinieren auf völlig unterschiedliche Weise, zum einen die Komik, zum anderen die Begeisterung für den Moment und das, was man hört.

Das Gitarrenspiel nimmt natürlich im Film eine zentrale Rolle ein. Das Phänomen Django Reinhardt zieht sich wie ein roter Faden durch den Streifen, er wird immer wieder erwähnt, und man fragt sich, ob Emmet ihn noch treffen wird, worauf er ganz und gar nicht aus ist, sieht er in ihm doch eher einen unerreichbaren Gott. Die Stücke aber, die man von Emmet und teilweise seinem Orchester hört, begeistern wohl auch jeden, der Jazz nicht unbedingt zu seinen Favoriten zählt. Für den Film wurden einige Stücke erst vom musikalischen Leiter Dick Hyman komponiert, teilweise Klassiker noch einmal neu aufgearbeitet und auch alten Aufnahmen verwendet. Für die Einspielung wurden die angesehene Gitarristen Howard Alden und Bucky Pizzarelli zusammen mit dem Klarinettisten Ken Peplowski verpflichtet, und das Ergebnis ist mehr als wundervoll.

Als Hauptdarsteller in der Rolle des Emmet Ray glänzt Sean Penn, der auf ganzer Linie überzeugt. Ob ernst oder witzig, betrunken oder ärgerlich, selbstverliebt oder hilflos, Penn schafft es, den Charakter optimal zu verkörpern. Hinzu kommt eine grandiose Leistung an der Gitarre, vor allem wenn man bedenkt, dass Penn vorher noch nie Gitarre gespielt hatte. Für diese Rolle lernte er eine ausgefeilte Spieltechnik für mehr als 30 Jazzsongs und lässt während des gesamten Streifens nie das Gefühl aufkommen, er beherrsche das Instrument nicht nach Belieben.

Die anderen Darsteller können in ihren Rollen hiergegen nur verblassen, spielen sie aber auch einwandfrei. Samantha Morton spielt Hattie, deren Gesichtszüge ja den durch ihre Stummheit nicht vorhandenen sprachlichen Ausdruck mit übernehmen müssen, sehr gut und schafft es auch, sie immer naiv in die Welt schauen zu lassen. Uma Thurman kann in ihrer Rolle als eher kühle, glamouröse, leicht hochnäsige Dame von Welt ebenfalls überzeugen.

Nach "Zelig" und "Broadway Danny Rose" aus den Jahren 1983 und 1984 hat sich Woody Allen lange Zeit gelassen mit seiner dritten fiktiven Biographie, dafür scheint "Sweet And Lowdown" um so akribischer ausgearbeitet. Ein Film, der wirklich Spaß macht und bei dem sowohl Story plus Umsetzung als auch die wundervolle Musik einen den Besuch bestimmt nicht bereuen lassen.

Wertung: 8 von 10 Punkten

(Tobi)