VOR IHREN AUGEN
Darsteller:  Nicole Kidman, Chiwetel Ejiofor, Julia Roberts, Dean Norris
Regie:  Billy Ray
Dauer:  111 Minuten
FSK:  freigegeben ab 12 Jahren
Website:  upig.de/micro/vor-ihren-augen
 

Nach dem oscarpremierten, argentinschen Thriller „In ihren Augen“ (2009) von Juan José Campanella, der bei den Kritikern weltweit enormen Anklang gefunden hat, kommt jetzt wie so häufig das Hollywood-Remake in die Kinos. Und wie so häufig stellt sich einem sofort die Frage: „Braucht man das jetzt wirklich?“. Hollywood ist anscheinend der Meinung: „Unbedingt!“ und mag damit recht haben, dass der amerikanische Markt immer noch ein ganz spezieller ist und nach exakt auf ihn zugeschnittenen Produktionen verlangt. Wir in Europa haben da Gott sei Dank eine etwas differenziertere Sicht auf die Dinge und verfahren nicht immer nur nach dem Motto „Was der Bauer nicht kennt, frisst er nicht!“.

Wie dem auch sei, nun also die Neuverfilmung des spannenden Stoffs, die mit Billy Ray jemand übernommen hat, der sich vorher vor allem als Drehbuchautor hervorgetan hat („Captain Phillips“, „Die Tribute von Panem“, „State of Play“) und sich so gerade auf ihre Adaption bestens versteht. Und so schlecht schlägt er sich dann doch nicht, wenn er die wieder aufgenommenen Ermittlungen in einem Ewigkeiten zurückliegenden, ungeklärten Mordfall inszeniert, bei dem damals die Tochter von Polizeibeamtin Jess Cooper (Julia Roberts) zu Tode kam. Überhaupt ist Roberts die heimliche Heldin des Films, indem sie sich mit bewundernswertem Mut zur Hässlichkeit wunderbar von der strahlenden Erscheinung der zuständigen Staatsanwältin Claire Sloane (Nicole Kidman, als würde sie vom Zahn der Zeit verschont bleiben) abhebt und allein dadurch Coopers lange Leidenszeit verkörpert. Wieder aufgerollt wird der Fall allerdings von Coopers Ex-Kollegen Ray (Chiwetel Ejiofor), der nach seinem eigenverantwortlichen Ausscheiden aus dem Polizeidienst vor dreizehn Jahren jede freie Minute damit verbracht hat, Datenbanken zu durchkämmen und sich jetzt sicher ist, den Mörder identifiziert zu haben. Kaum in seiner alten Dienststelle angekommen, überkommt den die ganze Fülle seiner alten Erinnerungen und nimmt einen mit zu den Ermittlungen von damals und heute.

Das Ganze ist durch geschickte Sprünge zwischen den Zeitebenen fesselnd aufgebaut und bringt durch die persönlichen Verwicklungen der Charaktere inklusive Rays angestrebter Beziehung zur damals blutjungen, ambitionierten Claire zusätzlich Würze in die Handlung. Dass dabei außer der Performance von Julia Roberts als sich selbst verzehrende Mutter alle anderen schauspielerischen Leistungen im gesunden Mittelmaß versinken, schadet dem Streifen auf den ersten Blick nicht. Und auch wenn die düstere Intensität der Originalvorlage arg verwässert werden sollte, so bleibt es ohne deren Kenntnis allemal ein solide verarbeiteter Suspense-Film.



Wertung: 7 von 10 Punkten

(Mick)