DER VORLESER
Darsteller:  Kate Winslet, David Kross, Ralph Fiennes, Lena Olin
Regie:  Stephen Daldry
Dauer:  122 Minuten
FSK:  freigegeben ab 12 Jahren
Weblink:  www.dervorleser-film.de
 

Viel hat man im Vorfeld von ihm gehört, auf der Berlinale wurde er zum ersten Mal dem Publikum präsentiert und jetzt ist auch das lauteste Rauschen rund um die Oscar-Verleihung schon verklungen, höchste Zeit also, dass der Film endlich auch offiziell in die Kinos kommt.

David Hare hat sich des gleichnamigen Bestsellers von Bernhard Schlink angenommen und die darin erzählte Geschichte von Michael Berg adaptiert. Die beginnt Anfang der 50er Jahre in der deutschen Provinz, wo jedermann damit beschäftigt ist, das Wirtschaftswunder kräftig anzukurbeln. Da bleibt selbstverständlich nur wenig Zeit, sich mit den vergangenen Jahren zu beschäftigen, selbst wenn die Kriegsfolgen noch allenthalben zu sehen sind. Genau in dieser Zeit entwickelt sich die Liebesgeschichte zwischen dem 15-jährigen Schüler Michael (David Kross) und der Straßenbahnschaffnerin Hanna (Kate Winslet), zweier Charaktere, wie sie unterschiedlicher kaum sein könnten. Ist es Hannas Hilfsbereitschaft, die die beiden zusammenführt, als sie dem durch Scharlach geschwächten Jungen im nasskalten Hauseingang beisteht, erwächst aus ihrer zweiten Begegnung nach Michaels überstandener Krankheit sehr bald gegenseitige Faszination. Auf der einen Seite ist es die Neugier auf das andere Geschlecht der gerade erwachenden Sexualität, auf der anderen der Reiz der Unschuld und Bildung, was die beiden zueinander hinzieht und nach Abstreifen anfänglicher Hemmungen schnell zu angenehmer Intimität führt.

Gerade diese Momente der Zweisamkeit sind es, in denen man die schauspielerische Leistung der beiden Hauptdarsteller nicht genug würdigen kann, die die Entwicklung dieser kuriosen Beziehung so nachempfindbar macht. Dabei kommt der großartige David Kross neben der überall belobigten und jüngst mit dem Oscar – zu Recht - zu höchsten Weihen gekommenen Winslet aber allseits ein wenig zu kurz, denn es ist das feinfühlige Zusammenspiel beider, das einen in die Geschichte hineinzieht und wunderbar die Emotionen transportiert. So wird einem auch schnell das Abhängigkeitsverhältnis deutlich, in das sich die beiden mit ihrer Beziehung begeben, bekommt doch Michael den Sex bald nur noch als Gegenleistung dafür, dass er ihr aus allen möglichen Werken der Literatur vorliest. Nur allmählich entdeckt man zusammen mit ihm, dass dies weniger aus Gefallen als vielmehr aus Notwendigkeit geschieht, denn Hanna ist Analphabetin. Und damit wird ein neues Kapitel aufgeschlagen, das von Scham und nicht eingestandener Schwäche handelt. Gibt sich Michael Hanna offen hin, versucht sie stets, der starke Part zu sein, nennt ihn beharrlich „Jungchen“, selbst als der längst um ihre aufgebaute Fassade weiß.

Die Beziehung ist aber abrupt beendet, als Hanna eines Tages spurlos verschwindet. Nur zufällig sieht Michael sie Jahre später, er ist längst erfolgreicher Jura-Student, während eines Prozesses wieder. Das bringt eine weitere Ebene in den Film, der sich nun mit Hanna als angeklagter ehemaliger KZ-Aufseherin auch mit Schuldanerkenntnis und gesellschaftlicher Aufarbeitung von NS-Verbrechen in Deutschland beschäftigt. Die emotionale Bindung der Protagonisten und ihre Verwicklung in das Zeitgeschehen, beider innerliche Konflikte und die Verarbeitung ihrer Erlebnisse folgen dabei einer Dramaturgie, die einen absolut fesselt. So erzielt der Steifen gekonnt Wirkung und lässt einen noch lange nachdenklich zurück.

Wertung: 9 von 10 Punkten

(Mick)