CTS-MUM
Anger 77 (09/00)

Im Bereich deutschsprachiger Rockmusik konnte man sich vor einigen Jahren einer aufkommenden Vielfalt erfreuen, da gab es mit Selig, Nationalgalerie oder den Bands der sogenannten Hamburger Schule (wie Die Sterne oder Tocotronic) einige Lichtpunkt am lange trüben Himmel. Nicht lange her und doch schon wieder in weiter Ferne. Selig, die zuletzt aber auch nicht mehr überzeugen konnten, und Nationalgalerie gibt es nicht mehr, die Hamburger Schule scheint oftmals in einem kreativen Loch zu stecken oder reproduziert sich nur noch selbst. Neue Namen braucht das Land, und mit den drei Jungs der Sportfreunde Stiller konnte seit langem mal wieder eine Band frischen Wind in die müden Segel blasen. Eisen klingen vielleicht noch interessant, aber sonst? Eine Formation wäre da noch, die mit ihrem neuen Album zu gefallen weiß: Anger 77.

Andreas "Sigi" Siegmund (Gesang) und Rene "Kocher" Koch (Gitarre) gründeten vor etwas mehr als acht Jahren mit einigen anderen Jungs eine Band und benannten sie nach der Adresse ihres alten Proberaumes "Anger 77". Die erwähnten anderen Jungs sind inzwischen nicht mehr mit von der Partie, dafür aber hat man seit fünf Jahren mit Ludwig Kendzia (Gitarre), Daniel Riethmüller (Bass) und Fabian Kendzia (Drums) seine feste Besetzung gefunden. Bevor man einen Major-Vertrag bei Intercord unterschrieb, wurde eine CD namens "Gruppentherapie" mit Proberaumaufnahmen beim kleinen Chemnitzer Label Noisework Records veröffentlicht, selbst produziert. "Allein im Flugzeug" hieß 1998 dann das erste richtige Album bei einer großen Firma, und Anger 77 verwendeten hierfür auch nochmal die bereits im kleinen Kreis veröffentlichten Stücke. Sigi erklärt: "Wir hatten durch den Major-Deal zum ersten Mal die Möglichkeit, Sachen richtig im Studio zu produzieren, vorher waren das ja alles Acht-Spur-Proberaumaufnahmen. Wir haben dann natürlich die stärksten Songs genommen und auf die erste Platte gepackt." So richtig erfolgreich lief das Major-Debüt nicht, aber die Jungs waren zufrieden, vor allem, weil man auch nach der Übernahme der Intercord durch EMI Vertrauen in die Erfurter Band steckte. "Die Platte lief okay, also den Erwartungen entsprechend. Wir sind keine Superstars geworden, aber alle waren zufrieden, sonst hätte und die EMI auch kein zweites Album machen lassen."

Mitte September erscheint "Keine Angst", der Nachfolger, mit elf Tracks, deren Erarbeitung gar nicht so einfach war. Sigi: "Das war sehr, sehr schwer, weil wir auch die ganze Zeit auf Tour waren. Schon bevor die erste Platte raus war, waren wir Vorband bei Phillip Boa 1998 in Deutschland, und seitdem sind wir permanent selbst getourt. Wir hatten in dem Jahr dann 150 Gigs und sind irgendwie überhaupt nicht mehr von der Straße herunter gekommen. Deswegen haben wir uns letztes Jahr im Sommer dann auch irgendwann gesagt, dass wir jetzt aufhören, zu touren, das ging dann einfach auch nicht mehr. Wir wollten einen Schnitt machen, mal einen oder zwei Monate gar nichts, dafür versuchen, neue Songs zu schreiben. Das hat dann auch funktioniert. Wir sind für vier Wochen mit unserem Produzenten nach Spanien gegangen und haben in aller Abgeschiedenheit ganz für uns herumgewerkelt. Vorher war ich da sehr ratlos, wie man aus dem Nichts eine Platte starten soll, aber das hat funktioniert, weil wir uns entschlossen, erst einmal nicht mehr zu spielen. Ansonsten hätten wir das nicht hingekriegt." Das Ergebnis klingt nach allem anderen als einem Verlegenheitsprodukt kreativitätsloser Tourjunkies unter dem Druck, ein vereinbartes Album abliefern zu müssen. Im Gegenteil, Anger 77 kommen mit guten Kompositionen daher. Ludwig sieht das ähnlich: "Ich glaube, dass die erste Platte logischerweise das Sammelsurium all deiner Aktivitäten vorher gewesen ist. Du nimmst dann das beste daraus und machst daraus die Platte. Bei der zweiten Scheibe sind wir mit neuem Material an den Start gegangen. Die erste Platte war sehr stark songorientiert. Diesmal haben wir mehr Wert auf die Arrangements und das Ausproduzieren gelegt, hatten ja auch mehr Zeit dazu. Ich glaube, dass die neue Platte intensiver geworden ist, wärmer, nicht so technisiert, aber auch roher, dynamischer."

Um noch abwechslunsgreicher zu klingen, arbeiteten Anger 77 nicht nur mit Helge Scheiders Stamm-Orgeler Buddy Casino, sondern auch mit einem vierköpfigen Streichergrüppchen zusammen. Ludwig: "Bei der ersten Platte hatten wir ein paar Sachen mit Keyboards gemacht, und da haben wir gesagt, dass wir gerne mal mit echten Streichern arbeiten würden, wenn wir uns das je leisten können, das Budget es hergibt. Wir hatten ein paar Songs, bei denen wir uns das gut vorstellen konnten, und dann hat unser Produzent, der Paul Grau, mit dem Christian Decker gesprochen und gefragt, ob der das machen möchte, das Arrangement schreiben. Dieser hat uns dann Vorschläge gemacht, und die fanden wir super klasse. Dann hat er die vier Leute engagiert und wir konnten das machen." Zur Kooperation mit Buddy kam man, da selbiger ein Freund des Produzenten ist. Sigi stellt aber richtig, "dass der Herr Casino als Vollblutjazzer mit unserem Musikstil nicht viel anfangen kann, dafür hat er da aber ein paar ganz gute Sachen draufgehupt. Wir haben auch nicht unbedingt zusammen gejamt. Er war zweimal im Studio, hat ein bisschen mit uns geredet und dann zuhause bei sich die Sachen in den Computer eingespielt. Wir haben uns dann die Sequenzen, die uns gefallen haben, rausgesucht, und die sind dann eben auf der Platte drauf."

Textlich verarbeitet Sigi weiterhin vor allem seine eigenen Erfahrungen. "Da sind viele persönliche Sachen bei. Ich will keine Botschaften verbreiten, es geht vielmehr um mein Innen- und Seelenleben. Das ist mir wichtig." Über den Ablauf der Songentstehung fügt er mit einem Schmunzeln hinzu: "Zuerst haben wir immer die Musik, dann kommen die Texte. Mir schafft das den Vorteil, dass ich nur zu den Songs Texte mache, die mir auch wirklich gefallen. Somit kann ich die Demokratie gut untergraben."

Als Auskopplungen hat man sich für die - auch meiner Ansicht nach - besten beiden Songs der Scheibe entschieden, "Komm her" und "Engel". Praktischerweise wurden auch gleich die Videos in einem Rutsch gedreht. "Um Budget zu sparen macht man das je heute gerne so, dass man ein gewisses Bild von einer Band schafft. Man hat sie selben Klamotten an, man hat die selbe Schauspielerin, die mitmacht, ähnliche Locations." Auch wenn die Jungs zurückhalten sind, ist ihnen mit dem neuen Album einiges zuzutrauen. Sigi: "Wir hoffen natürlich, dass die Radios und Musikkanäle uns spielen. Aber wir haben in den letzten Jahren so viele gute Songs und Videos gehört und gesehen, die sang- und klanglos untergegangen sind, ich hüte mich davor, zu hohe Erwartungen zu hegen." Immerhin stoßen Anger 77 eher in eine Nische, als sich einem Rudel anzuschließen. Ludwig: "Derzeit glaube ich, dass es für unser Alter (Mitte, Ende 20) und die Musik, die wir machen, keine andere deutschsprachige Band gibt, mit der man uns vergleichen kann, jedenfalls keine, die ich kenne."

(Tobi)