CTS-MUM
INFAM (04/98)


Mit einem Mini-Keyboard von Yamaha nahm einst alles seinen Lauf. Mehr als zehn Jahre ist André Geisler - alias INFAM - nun musikalisch aktiv. Als Selfmade-Musiker und größtenteils Solist - was das Songwriting betrifft - war und ist er allem Neuen gegenüber stets aufgeschlossen, läßt was gefällt in den eigenen Sound einfließen ohne dabei seine eigene Note zu verlieren. Unvergleichbar, markant klingen die aus seiner Feder stammenden, am treffendsten als Elektropop zu bezeichnenden Kompositionen. "Meine Musik ist einfach so, wie sie mir am besten gefällt." erklärt er selbstbewußt. Mit dieser Strategie verlief sein musikalischer Weg bislang auch alles andere als schlecht. Das ursprüngliche Duo INFAM beheimatete bis 1992 außer dem vorgenannten André noch einen zweiten! Der Kontakt zu Andre Knufmann, der aufgrund eines Ortswechsels seine Bandaktivität quitierte, besteht noch heute. "Ohne ihn gäbe es kein INFAM!" Noch immer ist er jederzeit mit konstruktiver Kritik zur Stelle und somit indirekt immernoch Bandmitglied.
Über das schwedische Label Energy Rekords erschien vor nunmehr zwei Jahren neben dem INFAM-Debut-Album "Welcome Idiots" auch die MCD "Void". Inzwischen zum Hause Zoth Ommog übergesiedelt veröffentlichte André Geisler nun in diesem Jahr sein Zweitwerk "To die for". "Den Titel habe ich irgendwo einmal gehört und dann das Konzept darum gebastelt. Für mich ist es einfach wichtig nicht bla-bla zu singen. Ich mag es über den Alltag zu singen, mit dem sich jeder auseinandersetzen muß. Die Dinge, die mir wichtig sind, sind es wert erwähnt zu werden. Ca. 95 % meiner Texte stammen aus meinem Leben. Musik ist das Gewicht zum Erlangen der Balance meiner inneren Waage. Es ist ein befreiendes Gefühl sich mit Musik auszudrücken. Mit der Musik kann ich der Realität entfliehen und in andere Sphären abdriften." Wofür es sich zu sterben lohnt, darüber sollte sich Andrés Meinung nach ein jeder Mensch auf dieser Erde selbt bewußt sein. "Der Hörer soll sich an die eigene Nase fassen und mal überlegen, was für ihn wichtig ist." Diese Erkenntnis ist wichtig für die Definition eigener Ziele und Wünsche des persönlichen Lebens. Eines der persönlichen Ziele Andrés dürfte somit wohl seine Musik sein. In seinem eigenen, kleinen Studio produziert er alles alleine vor. "An den zwölf Tracks der aktuellen CD habe ich ziemlich genau ein Jahr gearbeitet." Dies geschah etappenweise aufgrund eines studienbedingten Auslandsaufenthaltes. INFAM verschlug es nach Sheffield (England), wohin ihn equipmentmäßig ausschließlich sein Tg-55 begleitete. "Für mich ist klar: Die beste Zeit meines Studiums, vielleicht meines Lebens, habe ich in Sheffield verbracht." Musikalisch blieb er von der dort vorherrschenden Drum 'n Bass-Szene nicht unbeeindruckt. Aber abgesehen von der frei konsumierbaren, bereits fertigen und käuflichen Musikwelt gibt es da ja auch noch die INFAMeigene Variante, die mit intensivem Engagement durch André selbst entsteht. "Das Sounds-schrauben ist schon eine langwierige Arbeit. Es ist auch immer sehr deprimierend, wenn ich sehe wie einfach es andere haben, eben eine Sample-CD rein und die passenden Klänge sind zur Hand. Oder die Leute haben Equipment bis unters Dach und kriegen nichts gebacken. ... Teilweise brauche ich schon drei bis vier Stunden, bis der Sound so klingt wie ich es möchte. Wenn ich einen neuen Sound habe, beginne ich mit diesem zu spielen und etwas Neues entsteht. Oder ich weiß, der Song soll zum Beispiel ähnlich werden wie die Musik, die ich im Moment selbst gern höre. ... Es klingt vielleicht bescheuert, aber die Musik die ich mache ist die Fusion der Musik, die ich höre. Ich mag sie also und das 'to die for'-Album z. B. höre ich sehr oft. Wenn ich ein neues Stück mache, höre ich es bis ich es nicht mehr hören kann." Andrés persönlicher Favorit des aktuellen Albums ist "In your heart". "Der Song hat viel Atmosphäre und geht unter die Haut. Der Gesang, besonders von Kirsten Hemme bei diesem Stück gefällt mir. Sonst gefallen mir noch sehr gut 'Need of rest', 'ursa minor' und 'hunted down'. 'Need of rest' ist auch sehr spacy, die anderen beiden mag ich sehr, weil sie einen 'house'-Charakter haben." Bei "Hunted down" handelt es sich um das neuste, das letzte und frischeste Werk INFAMs. Als MCD wird "Blood dealer" - der entstehungsmäßig älteste Track der neuen CD - voraussichtlich im August (pünktlich zur Zoth Ommog Tour 1997) ausgekoppelt. "Ich werde einen neuen Mix vom 'Blood dealer' machen, und diverse Bands werden auch damit beauftragt einen Mix anzufertigen. Außerdem wird es noch ein oder zwei neue Stücke geben." Diese neuen Songs werden sicher auch schon bei der Zoth Ommog Tour zu vernehmen sein. "Live werden mich dabei Sören Mohr und Gerhard Lehmann verstärken. In Sheffield habe ich eine neue Sängerin gefunden, die beim nächsten Album dabei sein wird. Leider kann ich sie nicht schon zur Tour mitnehmen, da der Bus voll ist. Eine Frauenstimme ist einfach genial. Meinen Gesangspart möchte ich allerdings nicht aufgeben, da ich viel zu gern singe." André hatte einmal eine Stunde Gesangsunterricht. Dort wurde getestet, ob er den Ton richtig bildet. Unheimlich gern würde er einmal intensiv Gesangsunterricht nehmen. Das ist aber eher Zukunftsmusik. Fakt ist, daß "To die for" in Zusammenarbeit mit Guido Fricke (SECOND VOICE, LA FLOA MALDITA ...) produziert wurde. Beide kennen sich schon lange, haben sie doch mit SECOND VOICE und INFAM ungefähr zur selben Zeit begonnen ihre ersten Tapes zu verkaufen und gar einen gemeinsamen Gig in Zürich bestritten. "Da Guido letztes Jahr HAUJOBB produziert, gemixt und aufgenommen hat und ich einen Produzenten mit diesem Feingefühl und ähnlichem Geschmack suchte, habe ich ihn gefragt, und er war sofort dabei. Die Aufnahmen waren wirklich eine Marathon-Arbeit. Wir haben zwei Wochen fast jeden Tag 12 bis 14 Stunden gearbeitet. Aber ich finde es hat sich gelohnt! Da Guido bei seinen eigenen Produktionen auch mal Gitarre benutzt, fand ich es interessant auch bei INFAM mal Variationen einzubringen. Es ist auch angenehm zu wissen, daß die Klampfe nicht von der Sample-CD kommt oder geklaut ist. Gern würde ich bei der nächsten Produktion mal eine richtige 'funky'-Gitarre einsetzen. Mal sehen." Guido Frickes Gitarre war aber nicht das einzige zusätzliche, nicht durch André eingespielte Instrument auf "To die for". Susanne Stetefeld spielte Cello zu "What's my face". "Ich liebe Streicher! Leider hat es nur zu einem Cello gereicht! Mit Susanne hatte ich früher schon einmal gearbeitet, und es machte einfach Spaß mal eine Musikerin zu dirigieren. ... Eigentlich mache ich sonst alles alleine. Das ist nicht immer klasse, denn es ist oft sehr nervig ohne einen fachlichen Tip auskommen zu müssen. Das war auch der Grund für mich, die CD von Guido produzieren zu lassen. Er hat teilweise den Song optimiert und mir Tips zum Singen gegeben. Bei der Komposition selber ist eine Arbeit allein einfach am effizientesten, wenn man noch andere Hobbies hat (zeittechnisch gesehen)." Zurückblickend auf seine ca. 1985 gestartete Musikerlaufbahn gab es Momente, an die sich André immer wieder gern erinnert. "Ein Highlight, der sich wohl immer wiederholt, ist der Moment, wenn ich zum ersten Mal eine neue eigene CD in der Hand halte. Denn ich allein weiß, wieviel Zeit und Energie ich in das ganze Geklimper gesteckt habe. Ein neuer Silberling ist dann eine Art Genugtuung, auch wenn sich all der Aufwand vielleicht (noch) nicht gelohnt hat. Der erste Gig mit Andre Knufmann war auch ein Event. In meiner Kleinstadt Bramsche. Und nicht zu vergessen alle Aufnahmen im Sunset, T.G.I.G. und im Orbit-X Studio waren auch unvergeßlich ...!" Sein erstes Mini-Yamaha-Keyboard besitzt André noch immer. Da es allerdings kein Midi besitzt und nicht unbedingt genial klingt, ist es mehr oder weniger zum Staubfänger degradiert worden. Zu diesem Keyboard haben sich im Laufe der Zeit diverse weitere Gerätschaften gesellt. Da wäre neben sechs Synthesizern beispielsweise auch die Samplerrarität Roland S 220. Zwei Effekt- und zwei Mischgerätschaften oder Alesis-Maschinerien zur Klangbearbeitung, Aufnahme- und Abhörgeräte und letztendlich als Sequencer der gute alte Atari-Rechner mit Cubase 2.0 im Innern sind auch mit von der Partie. "Für das Album habe ich alle Synths, meinen 'high end' Sampler, all meine Alesis-Geräte und den Drumcomputer benutzt. Für einige 'Overdrive'-Effekte war mein Dynamix-Pult zuständig. Um den Gesamtsound ein wenig aufzupeppeln hatte ich mir noch ein K2000RS, einen JV 1080 und ein SH-101 ausgeliehen. Den K2000RS hatte ich unter anderem zur Aufnahme der weiblichen Gesangsstimmen und des Cellos, die ich bei mir im Studio aufgenommen habe." Aus den Gefilden für die Fachleserschaft wieder an den Boden der allgemein bekannteren Tatsachen zurückkehrend bleibt zur eventuellen Vorahnung und Vorfreude auf zukünftig zu erwartende Einflüsse in den INFAM-Sound noch die Frage nach Andrés augenblicklichem Plattentellerprogramm offen. Dazu erklärte er zum Zeitpunkt des Interviews: "Das neue BRAND NEW HEAVIES-Album 'Shelter', die DEPECHE MODE 'Ultra', SILENCE 'Ma non troppo', AND ONE 'Nordhausen', CHEMICAL BROTHERS 'Dig your own hole' und mein 'To die for'-Album!" Ich wünsche viel Spaß beim Spekulieren!

(Mo)