CTS-MUM
IN STRICT CONFIDENCE (08/98)


Vor laaanger, langer Zeit, als die Berge eines Abends den Tälern eine "Gute Nacht" wünschten, trug es sich zu, daß aus Raider Twix und schließlich auch aus SEAL OF SECRECY irgendwann IN STRICT CONFIDENCE wurde. Dieses Schicksal nahm unaufhaltsam seinen Lauf, weil von dem vierköpfigen Projekt SEAL OF SECRECY bereits ein Jahr nach der ersten Veröffentlichung "Conflict in a brain" (Tape) eben nur noch die beiden Köpfe von Dennis und Jörg - und was sonst noch dazugehört - übrig waren, die ihre Finger absolut nicht von der Musik lassen wollten. Also nannten sie sich fortan IN STRICT CONFIDENCE, um den vereinten Angriff auf die Musikszene dieser Welt weiter zu verfolgen. Und weil sie nicht gestorben sind, leben sie noch heute!
So oder ähnlich soll es sich tatsächlich zugetragen haben. Sie ließen nicht locker, produzierten weitere Tapes - wie man der Diskographie am Ende des Artikels unschwer entnehmen kann - und gaben Konzerte, glaubten einfach an die eigenen Fähigkeiten und die innewohnende Kreativität. Das zahlte sich aus: Seit Frühling des Jahres 1996 residieren IN STRICT CONFIDENCE nun auf dem Bad Homburger Music Research-Label Zoth Ommog. Sie fühlen sich äußerst wohl und vermehren sich prächtig, was ihren musikalischen Output betrifft.
Seit den ersten Schritten auf dem Terrain der hiesigen Musikszene veränderte sich nach eigenen Aussagen kaum etwas an der kompositorischen Vorgehensweise des odenwälder Duos. So erklärt Musiker und Sänger Dennis: "Manches spielt sich mit der Zeit natürlich etwas ein und entwickelt sich leicht; im Großen und Ganzen jedoch sind wir unserer Arbeitsweise treu geblieben." War das bandeigene Equipment zu Beginn auch etwas dürftiger als heute, so war man doch stets darauf bedacht keine "halben Sachen" zu machen, und Wert auf "anständige" Maschinerien zu legen. Aus diesem Grunde entstanden schon zu SEAL OF SECRECY-Tagen die ersten Soundergüsse mit Hilfe des Yamaha V50 und der Korg Wavestation, die beide auch heute noch nicht aus der Produktion und dem eigenen Homestudio "Maschinenraum" von IN STRICT CONFIDENCE wegzudenken sind. "Es hat nicht viel Sinn sich halbherziges Equipment zuzulegen. Es ist immer ratsam etwas mehr Geld auszugeben, sonst läuft man einfach Gefahr den Spaß zu schnell zu verlieren." Mangels musikalischer Aus- und Vorbildung, in Sachen Noten oder gar Harmonielehren unbeeinflußt, agieren und komponieren Dennis und Jörg nach Gefühl und aus dem Bauch heraus. "Das Feeling für die Vewendung von Sounds war bei uns schon immer vorhanden. Wir können natürlich auch keine Noten lesen oder beispielsweise Solo am Klavier spielen etc." Aber derlei "technische" Fähigkeiten sind - wie die beiden wohl mehrfach bewiesen haben - auch gar nicht von so immenser Wichtigkeit. Sie können auch ohne! Beide tragen auf ihre Weise zum charakteristischen, ISC-eigenen Sound mit all seinen Melodiemomenten inmitten der oftmals doch eher kalten und reservierten Elektronik bei. "Die Emotion stand bei ISC immer an erster Stelle. Die Tanzbarkeit ist der positive Nebeneffekt. Wir haben immer das kreiert was wir wollten; wenn dies dann auch anderen gefällt, ist das natürlich auch sehr positiv." erklärt widerum Dennis, der im Rahmen des gesamten Interviews für die Band Rede und Antwort stand. Sein markanter Gesang ist es darüberhinaus, der dazu beiträgt, daß der Sound von IN STRICT CONFIDENCE so unverwechselbar und charakteristisch klingt. "Natürlich benutze ich Effektgeräte, wie jeder andere auch, allerdings muß ich immer wieder betonen, daß der Gesang in 99 % der Fälle nicht verzerrt ist. Es handelt sich lediglich um einen sogenannten 'Symphony'-Effekt plus Hall und Delay. Das war's. Um den gewünschten Effekt dann zu erzielen muß man noch 'etwas' angestrengt singen und dann paßt es eigentlich auch schon." Auch wenn es den Anschein haben mag, daß Jörg neben oder hinter der Gallionsfigur Dennis zu verschwinden oder in den Hintergrund gedrängt zu werden droht, ist dies prinzipiell keine absichtliche Gewichtung, sondern ein Eindruck, der für die Außenwelt einfach zwangsläufig nicht nur durch Dennis' stimmliche Präsenz entsteht. "Grundsätzlich ist der Sänger, wieviel er auch immer tut, stets an erster Stelle ... Nun bin ich durch meine eigentliche Arbeit und durch Ausüben der Öffentlichkeitsarbeit generell doch eher am Pol, so daß dieser Anschein entsteht."
Musikalisch gehen sie alle Wege gemeinsam. So auch den der Beschaffung von geeigneten zu verarbeitenden Samples. "Hauptsächlich stammen jene natürlich aus Filmen. Ich archiviere sie vornehmlich auf DAT oder schon abgesampelt auf sogenannten MODs, also Speichermedien für den Sampler." schildert der Frontmann. "Es existieren hier noch einige MegaBytes an nicht benutzten Samples. Sehr oft dienen solche auch als Grundstein für ein neues Stück, auf dem sozusagen aufgebaut wird. Ich finde ein Sample wird erst wenn er eingebunden ist in eine, sagen wir mal 'Collage', spektakulär. Der 'Rohling' ist noch nicht das Besondere, sondern erst das was man daraus macht."
Schenkt man sowohl älterem als auch neuerem Liedgut des Duos aufmerksam Gehör und achtet insbesondere auf Texte oder eben die verwendeten Samples, dann drängt sich der Eindruck auf, daß ISC offensichtlich einen Faible für das Phänomen "Engel" haben. "Ist nicht zu leugnen, daß diese Lichtgestalten eine große Faszination ausüben. Sie stehen für überaus große Macht, die eine Brücke zwischen der Realität und dem Übersinnlichen schlägt." Im Falle der Songs "Ein Mensch ein Kämpfer & ein Schlächter" wie auch "Engel mit Feuer und Schwert" schöpften Dennis und Jörg bei den Filmen "God's army" und auch "Das siebte Zeichen" aus dem Vollen. Phantasy, Science Fiction, Thriller, Horror, mystische Streifen ... "Diese Art Filme gehören sicher zu meinem bevorzugten Repertoire, allerdings stehen wir generell (im Schwerpunkt) auf Science Fiction und Horror. Es kann aber auch gerne etwas Witziges oder anderes Unterhaltendes sein. Wichtig ist dabei, daß es nicht langweilig wird." Dies ist aber nicht nur im Falle des filmischen sondern auch in der musikalischen Unterhaltung der Fall. Einst mischten ISC innerhalb ihrer Songs deutschen und englischen Gesang, und es schien als wollten sie einigen ihrer Zeilen dadurch mehr Gewicht zuteil werden lassen, ihre Wichtigkeit unterstreichen. Im Rahmen des neusten Albums "Face the fear" ist nun aber eher der Trend zur Sprachtrennung zu entdecken. "Mit deutschen Texten arbeiten wir ja eigentlich schon recht lange. Ich kann mir auch vorstellen, wieder einen Text zu schreiben, der in mehrere Sprachen variiert. Auf 'Face the fear' ist 'Alles in mir' komplett in Deutsch gehalten, ich will mich da einfach nicht festlegen. Bei 'Become an angel' kam dieser Mischgesang sehr gut an, stimmt. Das hätte ich jedoch nicht erwartet. Im nachhinein denke ich oft eher über solche 'Taten' nach." gesteht Dennis grübelnd.
Im Rahmen "Face the fears" wirkte auch Torben Schmidt (LIGHTS OF EUPHORIA) bei der Entwicklung einiger Songtexte mit. "Torben ist sehr fix, was das Schreiben von englischen Texten angbelangt, er hat für mich mal einige geschrieben, und 'I don't care' paßte auf das Instrumental sehr gut. Dieser Text hätte allerdings nicht von mir stammen können, da er zu offen und klar gehalten wurde. Torben wirkte beim Texten auch noch bei 'Prediction' und 'Industrial Love' mit."
Durchforscht man die neuen Tracks weiter, so bleibt man unweigerlich an "Alles in mir", das innerhalb der ersten Zeile von Rhythmus und Gesang her irgendwie Ähnlichkeit zu "Sitata tirulala" von AND ONE aufweist, hängen; zudem wird der ganze Song gesanglich so drohend und kraftstrotzend präsentiert, daß es dem Zuhörer ganz angst und bange werden könnte. "Auf diese Parallele wurde ich kürzlich schon einmal hingewiesen, kann auch nicht leugnen, daß es verblüffend klingt. Die Textzeile war allerdings schon seit geraumer Zeit geschrieben und bestimmt nicht als Anlehnung an AND ONE gedacht; also doch mehr ein interessanter Zufall. Die sehr dominante Art zu singen mußte einfach sein, um die eigentliche Kraft des Titels und den gesamten Text zu unterstreichen."
Fährt man nun noch weiter fort, was die Songforschung im Falle des Elektro-Duos betrifft, so stößt man auch auf eine DEPECHE MODE-Coverversion: Sie setzten sich mit "Stripped" auseinander. "Das war eigentlich eine Auftragsarbeit für eine Compilation. Wir hatten freie Hand in der Auswahl des DEPECHE MODE-Titels. 'Stripped' gehörte immer zu unseren Favorites. Wir wollten eine sehr eigenständige Version davon machen, da wir von diesen doch meist einfallslosen Coverversionen, die sich darauf beschränken mit nur halb ähnelnden Sounds, eine ähnliche Version zu erstellen, abhebt. Ich denke unser Ziel haben wir erreicht." Desweiteren wirbelt die "Collapse e. p." und auch das generell wiederholte Auftauchen älterer Stücke auf neueren Veröffentlichungen einige Fragen auf. Es scheint fast Fakt zu sein, daß die Urversionen den Musikern nicht mehr gefallen. Welchen Grund sollte die Tatsache, daß sie eben diese einfach nicht ruhen lassen und immer wieder überarbeiten sonst haben? "Den Song 'The Prisoner' findet man außer auf der amerikanischen 'Collapse e. p.'-Pressung noch auf der Zoth Ommog Metallbox. Wir verbinden noch sehr viel Emotion mit diesem Titel, auch wenn er nicht mehr so zeitgemäß in das ISC-Programm paßt. Die Remixe bzw. Edits, die auf der 'Collapse' noch als Bonus mit draufgepackt wurden, sind alles Tracks, die von Compilations genommen wurden. Die Originale sind allerdings wichtiger für uns. An 23ster Stelle der 'Collapse e. p.' findet man auch einen Edit von 'Hero'. Die Zahl 23 hat natürlich eine Bedeutung; wäre auch ein eigenartiger Zufall, wenn nicht. Schließlich taucht sie auch oft genug auf. (Siehe Richard 23, Revelations 23, etc.)."
Und wenn wir uns dann schon beim mystisch-symbolischen befinden, so wäre dann noch zu klären, wofür die vielen Zähne stehen, die auf dem Cover der "Collapse e. p." zu bewundern sind. Wieso sollte gerade diese Bildauswahl so gänzlich ohne Hintergedanken erfolgt sein? "Auf diese Idee bin ich noch gar nicht gekommen." äußert sich Dennis unerwartet verblüfft. "Ein tieferer Sinn verbirgt sich eigentlich hinter den Zähnen selbst jedoch nicht."
Wurde hier nicht so scharf nachgedacht und mit Symbolik gestrotzt, so tat man das anderenfalls aber sehr wohl. Zum Beispiel die letzte Touraktivität betreffend lag seitens ISC keine aktuelle Veröffentlichung vor. Ein Souvenier nimmt aber doch ein jeder Fan gerne mit, sodann er endlich ein langersehntes Konzert seiner Heroen aufgesucht und miterlebt hat. ISC ereilte die spontane Idee ihren Song "Dementia" nochmals mit den beiden Ur-Versionen zusammen durch die Bannung auf eine Vinylsingle huldigen zu können. "'Dementia' gehört sicher zu den für uns wichtigsten Titeln in der ganzen Bandgeschichte. Wir verbinden noch heute, also über sieben Jahre nach dessen ursprünglicher Entstehung, eine Menge Emotionen mit dem Titel; wohl auch da er für uns bis heute immernoch aktuell ist." Auf diese Weise taten sie sich und ihren Fans zugleich Gutes! Das zeugt von Tüchtigkeit. So auch die rätselhafte Doppelveröffentlichung des Stückes "Hidden thoughts" sowohl unter IN STRICT CONFIDENCE als auch im Rahmen des Projektes CONTROLLED FUSION - sodann man dies einfach als Projekt bezeichnen darf. "'Hidden thoughts' ist eigentlich eher ein CONTROLLED FUSION-Titel. Von dort stammt er auch ursprünglich und ist nicht einfach auf dem CF-Album 'gelandet'. Da er sich aber sehr von dem eingentlichen CF-Material unterschied und doch etwas ISC-lastig klang, beschlossen wir eben eine ISC-Version davon zu machen und so eine weitere Assoziation zwischen den beiden Bands herzustellen. ... Schwerpunkt ist natürlich ISC. Wobei man betonen muß, daß CF nicht ein Nebenprojekt ist, sondern eine eigenständige Band. CF existiert übrigens auch schon (wie ISC) seit Anfang der 90er. Steffen befaßt sich schon seit Anfang/Mitte der 80er mit elektronischer Musik. CF war bis 1994 allerdings ein Soloprojekt."
Und nicht nur hier ist Dennis Ostermann musikalisch 'mittätig', sondern auch bei BLIND VISION (als Sänger) und in Sachen ZENITH, einem Ambient-Projekt. "Zur Zusammenarbeit mit BLIND VISION kam es über Vernon B., der u. a. Produzent von TALLA 2XLC ist. Über ihn lernte ich Andy Fröse, den Gründer von BLIND VISION ca. Ende der 80er, und Lechi - der u. a. in den 80ern den West Side Fanclub leitete - kennen, die auf die Idee kamen, das Projekt wieder aufleben zu lassen. Ihnen fehlte einfach nur ein Sänger. War eigentlich kurz und schmerzlos... Ich bin nun seit einiger Zeit (eigentlich schon viel zu lange) mit einem zweiten Sänger beschäftigt das Album fertigzustellen. Ich denke mein Gesang wird dabei etwas in den Hintergrund gestellt werden. ... Was ZENITH betrifft, wird dies wohl jetzt doch ein experimentelles Ambient-Industrial-Projekt werden, das auch nur in relativ geringen Stückzahlen erscheinen wird. Ein weiteres Projekt, das stark von älteren DELERIUM-Sachen beeinflußt wird, wird hoffentlich auch gegen Ende des Jahres mal erscheinen. Voraussichtlicher Name ist THE ATOMIC CAFÈ. Für uns ist eine solche Projektarbeit sehr wichtig, um einfach weiter Möglichkeiten und Ideen zu verwirklichen." Zu guter letzt ist Dennis Ostermann sogar auch noch hier und dort als DJ aktiv oder schreibt auch schon mal die ein oder andere Schote für das Berliner Musikmagazin Bodystyler.
Nach so vielen Aktivitäten überall und nirgends stellt sich auch die Frage nach noch immer offenstehenden Wünschen der Zusammenarbeit, nach Musikerträumen und solchen, die es noch werden wollen. Dazu wirft Dennis ein: "Alan Wilder wäre sicher sehr interessant, da ich seine Abeiten sehr schätze. Ich würde aber auch gerne mal mit ein paar ganz szenefremden Leuten arbeiten; mal sehen was sich da so die nächste Zeit ergibt..."
So steht er niemals still, strebt ständig nach mehr - nachdem es zuletzt bei einem Konzert auf der Bühne Plüschtiere geregnet hatte, wartet er leider bis heute noch vergeblich auf Stufe II: Die Unterwäsche! -, propagiert jeder solle generell mehr an sich selbst zu glauben und mehr in sich selbst vertrauen, weil das Stärke freisetzt, Energie und Kraft. Eben diese Einstellung brachte ihn dorthin wo er sich heute befindet. Wenn das kein Beweis für das Sprichwort "Der Glaube versetzt Berge" ist!? Allerdings dürfte es nun wirklich vergebens und wirkungslos sein daran zu glauben heute noch ein Original der frühen ISC-Tapes käuflich erwerben zu können. Diese Bänder dürften zwischenzeitlich ihren Endbesitzer gefunden haben und mehr als unverkäuflich geworden sein. Jetzt hilft nur noch pures Glück, und das kann der Glaube nicht beeinflussen! "Das Doppeltape 'Hell inside/Hell outside' erschien damals in einer Auflage von ca. 150 - 200 Stück, genau kann ich das nicht mehr nachvollziehen." Nun schätze sich glücklich, wer ein solches Exemplar sein Eigen nennen kann.
Weitergehend über ISC informieren kann man sich angenehm auf deren Website, die neben den Informationen natürlich auch noch einiges an Bildmaterial etc. zu bieten hat. Wir wünschen angenehme Unterhaltung beim Besuch der URL: http://www.amigaworld.com/isc

Diskographie:
1991 "Conflict in a brain" (SEAL OF SECRECY-Tape)
1992 "Sound attack" (Tape)
1994 "Hell inside/Hell outside" (Doppeltape)
1996 "Cryogenix" (CD)
1997 "Collapse e. p." (Mini-CD)
1997 "Dementia" (7")

(MO)