CTS-MUM
WOHLSTANDSKINDER (04/00)


Die Wohlstandskinder meldeten sich Anfang März mit einem neuen Album zurück, "En Garde", auf dem sie ihren eingeschlagenen Weg, deutschsprachigen Punkrock mit Pop zu vermischen, weiter gehen. Honolulu Silver (Gesang), Raki (Bass), Türk Travolta (Gitarre) und Don Ludger De La Straciatella Cardeneo (Drums) hatten sich bereits nach dem Vorgänger "Delikatessen 500SL" anhören müssen, sie würden nur noch Teenie-Punk verkaufen wollen, was sicherlich vor allem an dem ungewohnt klaren und leicht hohen Gesang liegt, der eher poppig als punkig ins Ohr geht, aber auch an der nicht gezwungen aufrührerischen Machart der Songs. Wir sprachen mit Silver und Don Ludger.

MUM: Glückwunsch zum Album, es gefällt mir gut. Wie würdet ihr eure Musik jemandem beschreiben, der euch noch nie gehört hat?

S: Wahrscheinlich würden wir uns Gitarren umschnallen, die Amps aufreissen und ihm solange die Ohren zubraten, bis er seine Unwissenheit bekennt, Gott leugnet, ein hysterisches Mädchen wird und jedes Elvis Presley-Lied auswendig kann. Zumindest hätte er damit das nötige Niveau erreicht, das wir von unserer Hörerschaft erwarten. Falls dieser jemand diese Vorraussetzungen schon erfüllt und uns nicht kennen sollte, müßte man ihn in einen mit-Flammen-auf-der-Motorhaube-Cadillac setzen und durch Las Vegas fahren lassen, um annährend eine Beschreibung unserer Musik geben zu können. Einige Mädchen haben auch schon behauptet, sie fühle sich ungefähr wie ein guter Zungenkuß an. Naja, man könnte auch einfach "delikHarter Pop" dazu sagen, aber das wäre langweilig.
DL: Wieso muss dieser Kerl eigentlich jede Frage zuerst beantworten und mir die besten Antworten wegschnappen.....?

MUM: Stört es euch, wenn man Tennie-Punk dazu sagt? Der Gesang ist doch durchaus beinahe boygrouptauglich, so soft und melodisch.

S: Nö, warum auch, das ist schließlich nicht unser Schubladenregal. In meinem ist z.B. nicht jede Band, die soft und melodisch klingenden Gesang hat in der Sparte "Boygroup" eingeordnet.
DL: Dass wir eine Boygroup sind, ist ja nicht von der Hand zu weisen, ich kenne zumindest keine Mädchen, die es bis jetzt geschafft haben, dass wir sie als Bandmitglied akzeptieren. Bis auf Vita-Myra vielleicht.

MUM: Welche Bands haben euch beeinflusst?

S: Jeden einzelnen von uns irgendwas anderes. Man hört 'ne ganze Menge und lässt sich bestimmt auch unterbewusst von sowas inspirieren, aber stilistische Einflüsse auseinanderzupflücken wäre, als versuche man in der Erbsensuppe jede einzelne Erbse auf ihren Ursprung hin zu bestimmen.
DL: Nanana, Dr. Silver! Der Mann möchte Namen hören, dass sieht man doch. Bei mir merkt man es heute jedenfalls mehr denn je (auch wenn es in unserer Mucke nicht so raussticht), dass auf jedenfall Die Ärzte, Turbonegro, und die Ramones einen bleibenden Eindruck hinterlassen haben. Wenn ich jetzt anfangen müsste, die ganzen 80er Jahre Hardrockbands aufzuzählen, die ich regelmäßig abfeiere, müsstest du eine ganze Ausgabe meinem eigenen, ignoranten Musikgeschmack widmen.

MUM: Was ist euer Lieblingsstück auf der neuen Scheibe?

S: Also, sie sind alle nett, aber wenn du die Stücke selber schreibst, sie dann Tag für Tag, Woche für Woche spielst und ein halbes Jahr später ins Studio gehst und sie weitere drei Monate täglich hörst, kannst du dir das Endergebnis nicht mit frischen Ohren anhören und einen richtigen Lieblingshit rauf und runter hören.
DL: Man denkt sich ja schon: "Mann, da haste aber `ne Bombenplatte gemacht, ey!" Und bei dem und dem Song werden bestimmt mehr Mädchen in Ohnmacht fallen als sonst, aber einen wirklichen Lieblingssong?

MUM: Ihr geht im Mai mit der Terrorgruppe auf Tour, wie findet ihr deren Mucke?

DL: I am very amused at all. Fan oder nicht ist Definitionssache, aber ich find's geil, ohne Frage, vor allem sind die Jungs selber sehr sympathisch - haben halt auch jede Menge Rockstarpotential - und ich freu mich drauf. Der Haken an der Sache ist, dass man mich besser als Backstageschlampe engagieren sollte anstelle eines Bestandteils der Vorgruppe. Da kann man halt nicht immer saufen. S: Die haben auch ein paar nette Songs und vor allem einen fetten Sound. Ich würde mich nicht als Terrorgruppenfan bezeichnen, kann aber mit der Musik doch einiges anfangen.

MUM: Was wollt ihr mit euren Texten ausdrücken? Ich finde, sie heben sich durchaus positiv von den meisten anderen Deutschpunk-Bands ab und haben mehr zu bieten als Suff und Sex.

S: Danke, aber wir verstehen uns schließlich auch nicht als D-Punk-Band. Mit unseren Texten verfolgen wir eigentlich nur ein Ziel: die absolute Weltherrschaft und somit die Rettung der Menschheit, den Weltfrieden, die Erhaltung der Natur, Suff, Sex, und und und...
DL: Das ist also ein Ziel? Aber schön, dass du erwähnst, dass wir auch jede Menge Sex zu bieten haben.
S: Bestimmt kann jeder aus den Texten für sich etwas anderes ziehen, und wenn man sich ein wenig mit ihnen auseinander setzt, zwischen den Zeilen rumstöbert und aufmerksam liest oder hört, kann man sie vielleicht entdecken, die kleinen Weisheiten des Lebens.


MUM: Was hört ihr privat so für Musik, welches sind eure Lieblingsbands?

S: Wie schon erwähnt hat jeder seine eigenen Favorites, aber uns verbindet doch die unbeschreiblich große Liebe und Bewunderung für Elvis Presley.
DL: Und Tom Jones. Ansonsten höre ich eigentlich immer gerne das, was alle anderen gerade nicht hören wollen.

MUM: Was haltet ihr vom Internet?

DL: In der jüdischen Kabbala steht "www" für 666. Das kann also an sich nix Schlechtes sein. Allerdings hat es das Internet bis heute nicht geschafft, Elvis wieder jung und lebendig zu machen. Außerdem kann es kein Bier öffnen und keine Köpfe bauen.
S: Da ich selber noch keinen Anschluss habe, kann ich ja eigentlich noch kein ordentliches Statement dazu abgeben, aber die Vorzüge, online zu sein, stelle ich mir als Konsument recht praktisch vor: Nur noch aufstehen zum Fressen, Ficken und Saufen! Ein Evolutionssprung für die Menschheit.

MUM: Wenn ihr euch drei Bands aussuchen könntet, mit denen ihr auf Tour geht, welche wären das??

S: Zuerst mal Rockbitch. Zweitens: mit Burt Bacharach auf Las Vegas Tour. Drittens: Die Flippers - das ist ernst gemeint, die fahren nämlich jeder einzeln mit 'nem fetten Benz von Ort zu Ort - unübertreffliches Posing.
DL: Gwar, Knochenfabrik und Die Ärzte.

MUM: Was macht ihr so, wenn ihr nicht musiziert?

S: Das Übliche: Sex, Drogen, und trotzdem Musik.
DL: Außerdem beschäftigen wir uns seit Jahen mit der Entwicklung eines Plans zur Eroberung von Liechtenstein, Monaco und San Marino.

MUM: Meine typischer Abschluss: welche Frage wolltest du schon immer mal gestellt bekommen, und wie würde die Antwort lauten?

S: Die Frage wäre "Wie siehst du dich und was ändert sich, hättest du die Wahl?", die Antwort: "In Sachen Leben bin ich Autodidakt geblieben, ich möchte ein Luftschloss bauen und alle Frauen für immer lieben.".
DL: Die Frage: "Willst du mit mir ficken?", die Antwort: "Nein." ... vielleicht.

MUM: Mucke & Mehr
S: Honolulu Silver
DL: Don Ludger De La Straciatella Cardeneo

(Tobi)