Als Kandidat bei "Jeder gegen jeden"
Man sitzt so vor dem Fernseher, schaut sich irgendwelche Wissensquiz-Sendungen an und sagt sich ständig "Da könnte ich aber auch mitmachen" oder "Das hätte ich aber gewusst!". Meist bleibt es hierbei, diesmal war es aber eben anders.

Eines Tages bewarb ich mich darum, als Kandidat bei "Jeder gegen jeden" (wochentags, 17 Uhr, Sat 1) mitzumachen, und prompt wurde ich kurze Zeit später zum Casting in ein Berliner Hotel eingeladen. Da Selbiges schon eine ganze Weile her ist, kann ich gar nicht mehr genau sagen, was dort passierte, aber in etwa so wie im Folgenden geschildert lief es ab. Kam man in den Raum, so wurde einem eine Bearbeitungsnummer zugeteilt, mit der zusammen man dann auch gleich fotografiert wurde (also etwa so wie ein Gangster auf dem Polizeirevier). Dann ging es darum, Wissen zu checken, indem man den Anwesenden (es mögen vielleicht 100 Leute gewesen sein) Fragen vorlas, deren Antworten man auf ein vorgefertigtes Blatt schreiben sollte, soweit ich mich erinnere waren es 50 Stück. Hierbei gab es leichte, normale, mittelschwere und richtig schwere Fragen. Einige hatte ich falsch beantwortet, die meisten aber richtig, soviel war klar. Nachdem die Antwortzettel eingesammelt wurden, ging es darum, wie man vor der Kamera wirkt. Hierzu ging man in Gruppen zu zehn Personen nach vorne und stellte sich im Halbkreis auf. Nun wurde man gefilmt, wobei eine kleine Spielrunde anhand von "Trivial Pursuit"-Fragen simuliert wurde. Es war klar, dass die Antwort auf die Frage nicht wichtig war, und prompt versemmelte ich sie auch. Aber egal, im Gegensatz zu einigen anderen antwortete ich schnell, hampelte dabei nicht herum, bekam keine Schweißausbrüche und nannte auch den nächsten, der dran sein sollte, ohne großes Zögern. Damit war das Casting dann auch schon beendet und ich hatte wirklich überhaupt keine Ahnung, ob ich das alles irgendwie gut oder schlecht gemacht hatte.

Irgendwann, ein paar Wochen später, bekam ich einen Anruf, ob ich bereit wäre, als Ersatzkandidat zur Sendung zu kommen, also als einer derjenigen, die einspringen, wenn einer der eingeladenen Kandidaten nicht zur Aufzeichnung erscheint. Da mir zugesichert wurde, dass man, falls man nicht zum Einsatz kommt, dann in jedem Fall ein anderes mal als fester Kandidat dabei ist, sagte ich natürlich zu. Am besagten Tag hing ich dann stundenlang im Studio in Berlin-Spandau herum und hoffte, dass irgendjemand den Zug nicht bekommen oder Mamis Geburtstag vergessen hatte, irgendwas, warum er nicht kommen kann. Leider war ich der dritte von drei Ersatzkandidaten, und die anderen beiden kamen sogar an die Reihe, ich aber nicht, da so ein blöder Schnösel doch wirklich noch in letzter Minute eintrudelte. Mist! So fuhr ich also damals wieder nach Hause, hatte aber immerhin schon einen Einblick erhalten, was einen erwartet.

Jahre später ... na gut, nicht ganz, aber es war schon eine richtig lange Zeit, die inzwischen vergangen war. "Jeder gegen jeden" hatte ich ehrlich gesagt schon vergessen bzw. nicht mehr damit gerechnet, dort noch in der Kartei zu sein. Plötzlich klingelte das Telefon und eine nette Frau vom Team gab mir Bescheid, dass es nun soweit sei und ich als Kandidat dabei wäre, wenn ich am vorgeschlagenen Termin Zeit hätte. Hatte ich! Zuerst einmal blieb mir nichts anderes übrig, als mir die Show seit langem mal wieder anzuschauen, man muss ja wissen, ob sich etwas geändert hat. Hat es! Einiges sogar. Statt dem steifen Hans-Hermann Gockel moderiert nun Dauergrinser Holger Speckhahn die Show. Die Atmosphäre hat sich etwas aufgelockert, hier und da macht der eine oder andere Kandidat auch mal einen flotten Spruch, hierfür hätte ihn Gockel bestimmt mit den Füßen nach oben an die Studiomauer gehängt. Absolut sinnlos: jeder Kandidat hat anfangs 500 DM auf dem Konto, die dann so lange hin und her geschoben werden, bis der Champion am Ende feststeht, und dann hat er immer auch wieder 5000 DM auf dem Konto, so ein Schwachsinn! Diesen Betrag kann er dann durch ein paar verbleibende Fragen noch auf- oder abspecken, das hätte man auch ohne den Punktequatsch vorher machen können. Ob das früher mal zwölf Kandidaten waren, darüber bin ich mir nicht so sicher, in jedem Fall sind es jetzt zehn, und der Sieger ist am nächsten Tag noch einmal dabei.
Aufzeichnungstag. Kein guter Start in den Morgen. Bis 7 Uhr hatte ich am Rechner gesessen und am neuen Layout des Magazins gearbeitet. Ab ins Bett, lohnte sich kaum, war aber todmüde! Um 7.30 Uhr klingelte bereits wieder der Wecker, grausam, so etwas, ich musste nämlich um 8 Uhr meine aus Thailand (die hatten es gut) zurückkehrenden Eltern abholen und heimfahren. Selbige luden mich natürlich gleich noch zum Frühstück ein, na gut, jetzt noch zu schlafen hätte sowieso keinen Sinn gehabt, um 12.30 Uhr sollte ich im Studio sein. Wieder zuhause angekommen suchte ich rasch noch die geforderte Kleidung (4 verschiedene Stücke zur Auswahl, keine T-Shirts, keine Rollkragenpullover, kein Schwarz, kein Weiß, keine engen Streifen, Karos oder sonstige Flimmermuster - dafür möglichst farbenfroh, ganz toll für einen wie mich, der am liebsten Schwarz trägt und bei bunten Geschichten nur im T-Shirt-Sektor kauft) zusammen und machte mich dann auf den Weg ins Studio.

Im großen Kandidatenbereich hatte sich nichts verändert, mehrere große Tische mit Stühlen standen rechts, während man links auf einem Fernseher die Aufzeichnungen direkt aus dem Studio verfolgen konnte. Jeden Tag wird eine ganze Woche aufgezeichnet, also fünf Sendungen, und - na toll - ich war in Gruppe 5 eingeteilt, richtete mich also auf einige Wartezeit ein. Dass man nicht, wie angekündigt, um 17 Uhr fertig sein würde, das wurde schnell klar, hing man doch jetzt schon um mehr als eine Stunde, und dies nicht nur durch die wenigen Versprecher von Speckhahn (wie "In welchen Schloss fühlt man sich wohl behütet? Oh, das heißt ja Schoß!") oder ausgeschiedene Kandidaten, deren Extremitäten man ungewollt mit im Bild hatte, nein, es habe morgens noch eine nicht geplante Proberunde statt gefunden, wie man uns sagte. Egal, für mich als Berliner ja nicht so tragisch wie für andere wie zum Beispiel Nicole aus einem popeligen Dörfchen bei Osnabrück, die sich nach 17 Uhr dann noch Berlin anschauen und auf dem Kudamm bummeln gehen wollte. Richtig, man lernte sich langsam kennen, alles war sehr locker und entkrampft. Für Verpflegung war auch gesorgt, diverse (natürlich alkoholfreie, man will ja keine lallenden oder aufmüpfigen Kandidaten ("Allllso, pass maaal auf, Specki, die Antwort war richtisch, Alter!")) Getränke hatte man ebenso bereitgestellt wie Brötchen und Belag, und später gab es auch noch Mittagessen, dann konnte man sich nämlich über das hermachen, was die Crew in der einstündigen Pause zwischen Show 3 und Show 4 übrig gelassen hatte (also jetzt nicht die Reste vom Teller, Knochen abnagen oder so, nein, es gab Schweinefleisch mit Soße, Kartoffeln, Brokkoli, Gemüserolle und Grütze).
Inzwischen hatte man sich mit Hilfe der stets gut gelaunten Crewmitglieder auch als Gruppe zusammen gefunden, so dass man die Mitspieler - oder sollte ich Gegner sagen? - schon einmal unter die Lupe nehmen konnte. Da war besagte Nicole, nettes Mädel, oder Maria aus Greifswald, die nicht nur alle bisher mit dem Auto zurückgelegten Strecken auswendig zu können schien ("Wo wohnst du? Echt, da? Da kenne ich auch jemanden. Du fährst den Kreisverkehr, dann links, über eine Brücke, dann rechts, dann kommt irgendwann ein Stopschild, dann..."), sondern auch noch hübsch war. Da war Trung, netter Asiat, der erst einmal allen klarmachen musste, das man ihn "Dung" ausspricht, oder Richard, 19-jähriger Musiker aus Berlin, mit dem ich mich eine ganze Weile über Korn, Slipknot und Konsorten unterhalten konnte. Da war Pia, von den Mädels die älteste, ansonsten auch sehr nett, oder Mirko-Peer, sonnenbankgebräunter Aufreißertyp, der nebenher als Model arbeitet. Komplettiert wurde die Runde von Marco und einer Ersatzkandidatin, deren Namen ich leider vergessen habe. Den Champion der Show 4 kannten wir ja noch nicht. So saßen wir also da und kamen ins Gespräch über dies und das, mal auch jenes. Nett waren alle, so dass man sich wohl fühlte und auch nicht groß aufgeregt war. In der Aufzeichnungspause wurden wir schon einmal ins Studio geführt und durften uns für eine kleine Proberunde hinter das Pult stellen, jeder schon an seines, ich war Kandidat 7. Das Studio ist im übrigen um einiges kleiner, als es im Fernsehen wirkt. Dann ging es wieder raus und Show 4 begann, womit unsere welche unweigerlich näher kam. Letzte Gelegenheit, sich endlich einen dummen Spruch zur Vorstellung einfallen zu lassen. Da Maria (Kandidatin 6) sich dafür entschieden hatte, "Hallo, ich bin Maria und studiere in Greifswald BWL, und heute möchte ich mit minimalem Aufwand die 5000 DM gewinnen!" zu sagen, überlegte ich mir, das Prinzip aufzugreifen und etwas wie "Ich bin Tobias und habe vor, mich mit maximalem Aufwand hier nur minimal zu blamieren!" anzuschließen. Merkwürdigerweise war ich noch gar nicht richtig aufgeregt.
Um vielleicht 18 Uhr wurde es ernst. Die Kleidung war bereits ausgewählt worden, und - juchuuu - ich durfte mein dünnes, dunkelblaues Sweat-Shirt anbehalten und musste mich nicht wie ein Papagei bunt kleiden, da Maria (rechts von mir) und Nicole (links von mir) beide Rottöne anziehen wollten. Guter Platz übrigens, zwischen den beiden netten Mädels, hö, hö! Nun zog man sich um, worauf ich verzichten konnte. Holla, als Maria sich in ihr enges knallrotes Leibchen geworfen hatte, da war sie umso mehr ein Blickfang - irgendwie glaubte ich nicht, dass Holger Speckhahn ihr überhaupt ins Gesicht gucken würde. Dann ging es zum Schminken, und soweit ich mich nicht irre, war dies für mich das erste meines Lebens. Nachdem Nicole doch meiner Ansicht nach stark überschminkt aus der Maske kam (vorher sah sie doch viel netter und natürlicher aus, als jetzt im Vamp-Stil), da kamen mir schon Bedenken, aber wir Männer wurden nur dezent kameratauglich gemacht, man soll ja nicht glänzen. Glück gehabt! Übrigens war inzwischen klar, dass Klaus als Champion der Show 4 unsere Runde komplettieren würde. Und nicht nur dies, plötzlich spürte ich auch aufkommende Aufregung in mir und war mir sicher, mich nicht nur heftig zu blamieren, sondern auch schon den Vorstellungssatz mächtig zu verhaspeln. Uah!

Es war soweit, wir gingen ins Studio und stellten uns an die Pulte, wobei die Kleinen unter uns durch Untersätze größer gemacht wurden, schließlich sollten alle in etwa gleich groß erscheinen. Mir sagten nicht weniger als drei verschiedene Leute, ich dürfe mich nicht aufrecht hinstellen, sondern solle stets auf das Pult gelehnt bleiben. Na gut, wird zu schaffen sein. Ich spürte die Wärme der grellen Scheinwerfer, ging meinen Satz noch zigmal im Kopf durch und war dann jetzt doch richtig aufgeregt, was nicht nur an Marias knackiger Optik, die ich unweigerlich beim Nach-rechts-schauen jedesmal im Auge hatte, lag. Holger Speckhahn kam zu uns, gab jedem artig die Hand und machte noch ein paar auflockernde Sprüche. Er ist übrigens durchaus sehr viel sympathischer, als ich gedacht hatte, nett und locker, nicht nur Mr. Dauergrinsen. Dann ging es los. Kamera 1 war mir für die Vorstellung zugeteilt worden, und ich brachte meinen Satz sogar mehr oder weniger fehlerfrei heraus. Nicole nach mir war so aufgeregt, dass sie mit einem "Hallo, ich bin Nicole - scheiße, scheiße, Entschuldigung, scheiße" (nein, das war nicht der geplante Satz) für einen ersten Break sorgte, im zweiten Anlauf brachte sie ihren Satz dann aber korrekt über die Lippen. Dann bekam jeder eine erste Frage gestellt, und ich war so nervös, dass mir Budapest als Hauptstadt von Ungarn erst nach mehreren Sekunden einfiel - puh, nochmal Glück gehabt. Dann wurde ich ruhiger und hatte auch das Glück, die richtigen Fragen zu erhalten. Die ersten schieden nach einigen Minuten aus, und irgendwann war ich mir sicher, das Finale der letzten Drei zu erreichen, da nur bei Marco und mir noch alle drei Lichter brannten, wir also keine falschen Antworten vorher gegeben hatten, während drei oder vier andere jeweils nur noch ein Licht besaßen. Diese versuchten nun natürlich nicht mehr, uns beide zu nehmen, sondern schossen sich gegenseitig ab. Puh, der erste Teil ging ja richtig gut, hätte ich nie gedacht. Jetzt war ich auch nicht mehr so aufgeregt, dafür fing ich an, mir Gedanken zu machen, dass die rund 5000 DM ja nun gar nicht mehr soooo illusorisch waren. Neben Marco und mir hatte sich Richard ins Finale gerettet, was mich wirklich gefreut hat, da er einfach nett und zurückhaltend war. Maria war leider ausgeschieden, so dass ich mich nun aber wenigstens voll auf das Finale konzentrieren konnte (hi, hi). Nach einer Pause ging dieses los. Ich hatte den Mittelplatz, links war Richard, rechts Marco. Dann ging alles verdammt schnell, für mich leider viel zu schnell. Richard nahm mich, ich nahm Marco, dieser aber dann wieder mich, anstatt zu Richard zurückzugeben. Ich dachte mir: "Na toll, ich stehe in der Mitte und das geht immer hin und her, dann bin ich ja ständig dran!" und nahm wieder Marco, der wieder mich. So ein Hund. Auch, wenn ich eine Frage nicht beantworten konnte, Marco nahm immer mich. Uah, was hatte ich ihm denn getan?!? Mist! Und tschüss, nach viel zu kurzer Zeit war ich raus. Ich kam nicht auf den Namen des Bürgermeisters von Bremen und antwortete auf die Frage nach einer bestimmten deutschen Speerwerferin mit Karin Folke statt Petra Felke (würde die aussehen wie Maria, ich hätte es gewusst...). Den dritten Fehlgriff weiß ich gar nicht mehr. Na ja. Jedenfalls saß ich nun enttäuscht hinter meinem Pult und drückte Richard ganz fest die Daumen. Es half, er gewann, und ich freute mich sogar richtig für ihn, auch wenn ich die Kohle lieber selbst mit nach Hause genommen hätte. Egal, es war ein lustiger Tag und eine witzige Erfahrung, mal bei so etwas mitzumachen, und richtig blamiert hatte ich mich ja zum Glück auch nicht.

(Tobi)