Das Märchen ist perfekt - Kurt Warner war der Held der Nation im Super Bowl XXXIV
(Super Bowl 2000 in Sat 1 - Ein Erlebnisbericht)

Es war schon eine turbulente NFL-Saison, deren Ausgang so wohl niemand prognostizieren konnte. Nun gut, dass das Titelrennen diesmal sehr offen sein würde, war abzusehen, nachdem dem Titelverteidiger Denver Broncos durch den Rücktritt ihrer Quarterback-Legende John Elway und die schwere Verletzung der Runningback-Maschine Terrell Davis das Herz ihrer Offense genommen worden war. Aber, dass sie noch nicht einmal etwas mit den Playoffs zu tun haben und auch andere hochgehandelte Teams, ob sie nun Packers, Cowboys oder Jets hießen, kaum eine Woche ohne Federn zu lassen überstehen würden, hätte man dann doch nicht gedacht. Doch des einen Leid war ja schon immer des anderen Freud' und so traten jetzt Teams aus dem Schatten der Etablierten und mischten die Liga gewaltig auf. Je weiter also die Saison fort schritt, desto mehr kristallisierte sich heraus, dass die Mannschaften, die es zu schlagen galt, aus Jacksonville, Tennessee, Indianapolis oder St. Louis kamen. Wenngleich zumindest den St. Louis Rams ihr leichter Spielplan zugute kam, der sie nur in zwei Begegnungen mit Playoff-Teams zusammen führte, die sie beide verloren, was bis zum bedeutungslosen letzten Spiel gegen Philadelphia ihre einzigen Niederlagen waren. Das war für manchen Grund genug ihre beeindruckende 13-3-Bilanz etwas skeptischer zu betrachten, doch war ihnen das Heimrecht in allen Playoff-Spielen durch Skepsis nicht zu nehmen und das wussten sie gegen so starke Gegner wie Minnesota, die drei Viertel lang nicht wussten, wie ihnen geschah, so heftig brach der Angriffswirbel der Rams über sie herein, und Tampa Bay, die im NFC-Championship Game niedergerungen wurden, zu nutzen. Andersrum gestaltete es sich mit den Tennessee Titans, die in der regulären Saison alles schlugen, was Rang und Namen hat, aber in der ersten Playoff-Runde gegen Buffalo eigentlich schon draußen waren, als ihnen ein Kickoff-Return-Trickspielzug über Tightend Frank Wycheck und Receiver Kevin Dyson in letzter Sekunde den siegbringenden Touchdown bescherte, der als "The Lateral" in die Geschichte eingehen dürfte. Danach aber wurden sowohl Indianapolis als auch Jacksonville, die vorher den alten Kämpen Dan Marino und seine Miami Dolphins verdroschen hatten, in beeindruckender Manier auswärts in die Schranken gewiesen. Somit war also der Boden bereitet für die Mutter aller Spiele Titans gegen Rams im Georgia Dome zu Atlanta. Und was wurde nicht alles diskutiert im Vorfeld der Begegnung, um dadurch einen Vorteil für den einen oder den anderen ausfindig zu machen, seien es nun die anormal niedrigen Außentemperaturen, die beim Training eine Kühlung des angeschlagenen großen Zehs von Titans-Quarterback Steve McNair überflüssig machten oder der Astro Turf im Georgia Dome, der der Heimstätte der Rams so ähnlich ist und sie so stark begünstigen sollte, da ja in Tennessee auf Rasen gespielt wird. Nicht von der Hand zu weisen waren allerdings die Ausfälle der wichtigen Spieler Thigpen und Robertson, die eine zusätzliche Schwächung des ohnehin nicht allzu beeindruckenden Receivercorps bzw. im Falle des Safetys Robertson der Passverteidigung, auf die ja bei St. Louis Run-and-Gun-Offense Schwerstarbeit wartete. Doch da war doch noch was? Ach ja, richtig, Amerika hatte mal wieder einen neuen Helden gefunden, denn immer wieder wurde die wundersame Karriere des Kurt Warner hervorgekramt, der vor der Saison gerade mal als dritter Quarterback verpflichtet worden war und sich davor sogar; oh Gott wie schrecklich, als Spielmacher beim Arena-Football und in der NFL-Europe verdingen musste. Und jetzt war dieser Kurt Warner zum MVP der regulären Saison gewählt worden, vom Tellerwäscher zum Millionär sozusagen. Dass er aber vorher bestimmt auch keinen Hunger litt, und sich ein Großteil der amerikanischen Tellerwäscher darum reißen würde, einmal Arena-Football spielen zu dürfen, hat in solch einer Medien-Story natürlich keinen Platz. Doch dann war es endlich soweit, Super Sunday war da, und es hieß nur noch St. Louis Offense-Line gegen die fürchterlichen Pass-Rushers der Titans angeführt von Rookie-of-the-Year Kevon Kearse, Kurt Warners Wurfarm gegen Steve McNairs Scrambles und alles andere rückte in die zweite Reihe. Beim übertragenden Sender Sat1 waren die Dinge allerdings etwas anders gewichtet, da kam erstmal Tom Nütten und dann eine ganze Weile gar nichts, denn auch die deutsche Medienlandschaft braucht natürlich ihre Helden, und da Kurt Warner mangels Identifikation hier zu Lande kaum dazu taugt, wurde kurzerhand der Offense-Lineman der Rams Tom Nütten dazu erkoren. Der hatte, wie uns nicht nur einmal erzählt wurde, einen Teil seiner Kindheit in Olde in Westfahlen verbracht und ist somit ja quasi Deutscher. Der erste deutsche Spieler im Superbowl, nachdem wir letzte Saison genauestens verfolgen durften, wie Werner Hippler, unser Mann für die NFL, es sage und schreibe bis in das Training-Squad der San Diego Chargers geschafft hatte, Wahnsinn. Und so stellten die deutschen Fernsehkollegen eine Kamera speziell für Tom Nütten bereit, die zeigte, wie Tom Nütten sich an der Seitenlinie von den Anstrengungen erholte, wie Tom Nütten Anweisungen der Coaches entgegennahm, wie Tom Nütten sich mit seinen Kollegen besprach, wie Tom Nütten herum stand, und wenn es keine Grenzen gäbe, hätte sie uns sicherlich gezeigt, wie Tom Nütten in der Halbzeitpause pinkelt. Aber außer Tom Nütten gab es tatsächlich auch noch ein Spiel zu sehen, und das war ein echter Kracher. Es ließ sich zwar in der ersten Hälfte, was die Offensive betraf, relativ schleppend an, hatte aber, nachdem wegen oben geschilderter Berichterstattung die Sympathien klar zu Gunsten des Underdogs Tennessee verteilt worden waren, für den mitfiebernden Fan eine Menge Spannung zu bieten. Die zugegebenermaßen imposanten Drives der Rams über das gesamte Spielfeld wurden immer wieder durch die starke Goalline-Defense der Titans kurz vor der Endzone gestoppt, so dass, wenn überhaupt, nur jeweils ein Fieldgoal heraussprang. Aber immerhin trafen sie dreimal, während Tennessee völlig leer ausging und es folglich zur Pause 9-0 für die Bösen stand. In der Pause lernten wir dann noch mehr über das Privatleben von ja richtig!!! Tom Nütten aus dem Munde seiner extra eingeflogenen Mutter und eine Menge über den Football-Sachverstand von Sat1-Moderatorin Sonja Zietlow, die stolz erzählte, schon Mal ein Spiel der NFL-Europe in Dortmund live gesehen zu haben und in ihrem Tip für den Endstand mutiger Weise auch ein nicht all zu wahrscheinliches Safety einplante. Nachdem dann auch noch die von Sat1 komplett übertragene Halbzeitshow überstanden war, konnte es endlich weiter gehen. Und wie. Endlich durfte man den ersten Touchdown miterleben, der aber wieder mal von den Falschen erzielt wurde, und somit ein Sieg der Tennessee Titans in weite Ferne rückte, was auch der Spannung einen herben Dämpfer verpasste. Doch dann passierte das, worauf man schon die ganze Zeit gewartet hatte, die Titans-Angriffsmaschine kam ins Rollen und überquerte Stück für Stück mit sich in schöner Regelmäßigkeit abwechselnden Kurzpässen, Läufen des Runningback-Arbeitspferds Eddie George und, nicht zu vergessen, Scrambles von Quarterback McNair, die die Rams-Defense immer wieder wie Wespenstiche trafen, das Feld. Damit hielten sie die Uhr am Laufen und, noch viel wichtiger, die gefährliche Offense der Rams vom Spielfeld fern. Einmal auf dem Scoreboard gelandet, schien auch die Defense der Titans das Ihre zu einem Comeback beitragen zu wollen, und übte endlich massiven Druck auf Kurt Warner aus, der nun prompt kein Bein mehr auf den Boden bekam. Als dann Kicker Al DelGreco zwei Minuten vor dem Ende per Fieldgoal tatsächlich den nicht mehr für möglich gehaltenen Ausgleich besorgte, war die Spannung kaum noch zu überbieten, und die erste Verlängerung der Superbowl-Geschichte lag in der Luft. Doch als das Moment ganz klar auf Seiten Tennessees zu liegen schien, konterte Warner gleich im nächsten Spielzug eiskalt mit einem langen Touchdown-Pass auf Isaac Bruce, bei dessen kläglicher Verteidigung sich das Fehlen von Safety Robertson wie nie zuvor bemerkbar machte, und der die Titans wie ein Keulenschlag traf. Aber so leicht wollten sie sich nicht geschlagen geben und marschierten angeführt von einem unermüdlichen Steve McNair, der sich auch von drei Verteidigern nicht zu Boden bringen ließ, in knapp zwei Minuten übers gesamte Feld, wobei immer mehr die Uhr zum größeren Gegner wurde. Und dann kam das, was kein Regisseur der Welt besser inszenieren könnte, und was den Sport so reizvoll und medienwirksam macht. Der ultimative Showdown, die ganze Saison wird auf einen einzigen Spielzug komprimiert: letzte Auszeit Titans, noch sechs Sekunden zu spielen und der Ball liegt auf der Acht-Yard-Linie der Rams. Die Spannung ist in allen Gesichtern abzulesen, und dann wirft McNair den letzten Pass in der regulären Spielzeit. Der wird an der Drei-Yard-Linie wirklich gefangen, doch der Verteidiger ist zur Stelle, bringt den Passempfänger zu Boden, der sich noch streckt, aber im Fallen merkt, dass es nicht reichen wird. Schon am Boden legt er in seiner ganzen Verzweiflung den Ball die fehlenden Zentimeter weiter vorne in der Endzone ab, obwohl er genau weiß, dass es nichts mehr bringen wird. So grausam kann Sport sein, aber auch so schön, denn wieviel Adrenalin und Endorphine wurden in den knapp vier Stunden ausgeschüttet? Auf jeden Fall genügend, um auch beim nächsten Mal wieder dabei zu sein, auch wenn Amerika und Deutschland am Ende ihre vorherbestimmten Helden kriegen sollten, und man sich über noch so dümmliche Kommentare ärgern müsste.

(Mick)