Home Film “Das Licht” – interessante Gesellschaftsstudie mit psychedelischen Einschüben

“Das Licht” – interessante Gesellschaftsstudie mit psychedelischen Einschüben

Autor: Mick

"Das Licht" Filmplakat (© X-Filme AG)

Das Licht

Darsteller: Lars Eidinger, Nicolette Krebitz, Tala Al-Deen, Julius Gause
Regie: Tom Tykwer
Dauer: 162 Minuten
FSK: freigegeben ab 12 Jahren
Website: www.x-verleih.de/filme/das-licht
Facebook: facebook.com/xverleih
Instagram: instagram.com/xverleih
Kinostart: 20. März 2024


Langsam nähert sich die Drohnenkamera durch die regenschwangere Tristesse des Berliner Abendhimmels einem merkwürdig flackernden Licht, schwebt durch die Balkontür hinein in die Hochhauswohnung, in der eine Frau mit geschlossenen Augen vor einer Lampe komplett der Realität entrückt scheint. Die Eingangssequenz von Tom Tykwers („Lola rennt“, „Das Parfum – Die Geschichte eines Mörders“) neuem Drama „Das Licht“, mit dem er nach fast zehnjähriger Spielfilmabstinenz die diesjährige Berlinale eröffnen durfte, gibt uns einen guten Vorgeschmack dessen, was uns die nächsten knapp drei Stunden erwartet. Und so viel sei vorab verraten: Es wird ziemlich nass.

Denn der Regen will einfach nicht aufhören, wenn wir eintauchen in das Leben der typischen, modernen Familie Engels, die Tochter Frieda (Elke Biesendorfer) einmal so treffend als dysfunktional bezeichnet. Vater Tim (Lars Eidinger) gibt sich da ganz alternativ als Linksintellektueller, fährt gerne im Cape mit dem Rad durch den Berliner Dauerregen, wo er doch mit seinem Job als kreativer Kopf von Imagekampagnen längst im toxischen Wirtschaftssystem angekommen ist. Mutter Milena (Nicolette Krebitz) passt ganz gut dazu, ist dauergestresst wahlweise unterwegs oder am Handy, um die Finanzierung ihres sozialen Theaterprojekts in Kenia sicherzustellen. Eines zumindest haben beide komplett aus dem Blick verloren: Sich um die Familie zu kümmern.

Ist es dieser Vorwurf, auf den Tom Tykwer hier mit seinem Regen, dessen Omnipräsenz einem recht bald merkwürdig vorkommt, hinauswill, dass wir alle genau wie die Engels als Rädchen im gesellschaftlichen Getriebe unseren Beitrag zum Klimawandel leisten, so sozial und ökologisch wir vordergründig auch eingestellt sein mögen? Zumindest aber ist dies bei weitem nicht die einzige Baustelle, die der Regisseur hier in seinem Film aufmacht, rückt daneben doch schnell die Familiendynamik in den Mittelpunkt, bei der irgendwie alle nebeneinander her leben. Die 17-jährige Frieda wird da wenigstens von ihrer herzlichen Clique aufgefangen, mit der sie zugedröhnt durch das Nachtleben clubbt, wenn sie nicht gerade den nächsten spektakulären Klimaprotest plant. Ihr Zwillingsbruder Jon (Julius Gause) findet derweil Erfüllung beim Onlinespiel-Zocken mit VR-Brille, bei dem er schon mal tagelang sein Zimmer nicht verlässt und den realen Kontakt mit seiner Internetfreundin scheut.

"Das Licht" Szenenbild (© Frederic Batier / X-Filme AG)

(© Frederic Batier / X-Filme AG)

Alles, inklusive Milenas schwarzem jüngsten Patchwork-Spross Dio (Elyas Eldridge), ziemlich klischeeüberladene Figuren, die uns Tykwer hier präsentiert, welche aber doch bestens ihre Aufgabe erfüllen und ein Familienleben spiegeln, wie wir es in unserer hoch entwickelten, urbanen Gesellschaft so häufig beobachten. Weniger Miteinander für den Wohlstand und Status, den das zeitraubende Engagement im aufreibenden Job einbringt, über den man sich primär definiert und dabei auch schnell die Menschlichkeit über Bord wirft. Das alles ist hier klar umrissen, macht die Problematik nachvollziehbar und wirkt doch in so manch unpassend künstlerisch abstrahierter Musicalszene ein wenig überreizt.

Und dann ist da ja noch die geheimnisvolle Frau vom Anfang. Das ist die Syrerin Farrah (Tala Al-Deen), die bald als Haushälterin bei den Engels anfängt und sich mit einem großen Vorrat an Empathie jedem einzelnen Familienmitglied widmet. Doch auch sie ist mit ihrer Flüchtlingsgeschichte nicht unvorbelastet und bringt mit ihrer mysteriösen Lampe eine spirituelle Komponente in den Streifen, mit der er uns nochmal eine ganz andere Dimension eröffnet. Das titelgebende Licht nämlich führt zur gezielten Ausschüttung von Botenstoffen und versetzt in einen tranceähnlichen Zustand, in dem man die Realität kurzzeitig hinter sich lassen kann. Als ganz so uneigennützig wie zunächst angenommen, entpuppt sich da auch Farrahs Fürsorge nicht, auch wenn sie den Engels als guter Geist mit ihren Gesprächen durchaus heilsame Impulse geben kann.

Das alles ist getragen vom durchweg glaubhaften Ensemble wirklich interessant zu verfolgen, ermüdet in den immer wieder allzu sehr ausufernden Szenen jedoch bisweilen etwas. Insgesamt überlädt Tykwer seine umfangreiche, anregende Gesellschaftsstudie aber mit den ihn sichtlich beschäftigenden, aufgegriffenen Themenkomplexen soziale Entfremdung, Klimawandel, moralische Verpflichtung und nicht zuletzt Migration und verliert so gerade mit seinem esoterischen Ansatz hinten raus gewaltig den Fokus. Weniger wäre hier durchaus mehr gewesen, wenngleich sich zum Schluss zumindest befriedigend der Kreis der alles überlagernden, regennassen Atmosphäre schließt.

Trailer:

Bewertung: 6 von 10 Punkten

 

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